Es gab eine Zeit vor der Wut, vor dem Hass, aber Heiko Maas kann sich selbst kaum an sie erinnern. Im Juli 2014 trat er in Dresden auf, eine Podiumsdebatte. Alles lief glatt. Niemand echauffierte sich damals, niemand war wütend. Der Bundesjustizminister reiste einfach so in den Osten und diskutierte auf einer Bühne, ohne große Vorkehrungen, ohne große Aufregung. Wenn man heute mit ihm darüber redet, hat man das Gefühl: Diese Zeit ist weit weg für ihn.

Sehr weit weg.

Im Juli 2017, exakt drei Jahre später: SPD-Mann Heiko Maas ist wieder in Dresden, steht in einer Turnhalle am Rednerpult und spricht über das Netzwerkdurchsetzungsgesetz. Aber man hört nicht nur seine Stimme. Man hört auch die Trillerpfeifen, von draußen. Dort, vor der Tür, stehen etwa 600 Demonstranten. Pegida hat extra die eigene Kundgebung abgesagt; hat alle Teilnehmer zu Maas geschickt. Auch die AfD hat mobilisiert.

Bis nach drinnen kann man sogar die Schreie vernehmen: Hau ab! Volksverräter! Später wird man sehen, dass einige der Leute, die das gerufen haben, Schilder trugen, auf denen Maas in einer SS-Uniform zu sehen ist. Da kann Maas, in der Halle, noch so konzentriert seine Punkte referieren. Kann sagen, dass Protest von der Meinungsfreiheit gedeckt ist. Kann sich betont entspannt, normal geben, damit sie da draußen nicht denken, sie hätten gewonnen. Aber: Nichts ist normal. Nicht für ihn, nicht für seine Zuhörer in der Halle. Nur die 250 Polizisten draußen machen möglich, dass er überhaupt reden kann. Weil sie ihn beim Rein- und Rausgehen abschirmen.

Es ist viel passiert in den drei Jahren zwischen Heiko Maas‘ Dresden-Besuchen 2014 und 2017. Innerhalb von nicht einmal einer Legislaturperiode ist er so etwas wie der Lieblingsfeind der ostdeutschen Wutbürger geworden – neben Angela Merkel, der Kanzlerin. Für einige dieser Wutbürger ist Maas der "Zensurminister", für andere der "Volksverräter". Pegida-Chef Lutz Bachmann verglich ihn mit Joseph Goebbels. Wer Heiko Maas gesehen hat bei diesem Turnhallen-Termin in Dresden; wer den Hass sieht, der ihm mitunter entgegenschlägt – der fragt sich sofort: Was macht das mit einem? Wie hält man das aus, diese ganze Wut? Aber auch: Was hat Maas aus der Wut gemacht? Denn tatsächlich hat er sie, auf gewisse Weise, auch für sich nutzen können.

Wer mit dem Justizminister spricht, wer ihn fragt nach der Wut im Osten, der hört einen Mann, der trotzig ist. Der Härte zeigen will. "Ich werde nicht wegbleiben", sagt er, "jetzt erst recht nicht." Er lasse sich von dem Zorn nicht beeindrucken. "Ich weigere mich", sagt er, "meine Auftritte auch nur einen Deut zu verändern. Ich rede über die Themen, über die ich reden will. Ich bin nicht bereit, das im Osten anders zu tun als anderswo."

Die besondere Geschichte zwischen Maas und den Wutbürgern begann am 15. Dezember 2014. Seit einigen Wochen demonstrierte das Pegida-Bündnis da schon gegen die "Islamisierung des Abendlandes", Tausende liefen mittlerweile mit. Heiko Maas gab der Süddeutschen Zeitung ein Interview, in dem er Pegida als "Schande für Deutschland" bezeichnete.

Pegida gab es zu diesem Zeitpunkt erst seit einigen Wochen, es gab auch andere Stimmen aus der Politik. Bundesinnenminister Thomas de Maizière zum Beispiel, wohnhaft in Dresden, nannte den Namen "Pegida" zwar eine Unverschämtheit, weil diese Gruppe das Abendland für sich reklamierte – sagte aber auch, man müsse die Sorgen der Menschen ernst nehmen. Maas war der erste Bundespolitiker, der sich so drastisch gegen Pegida positionierte.

Daraufhin begannen Pegida-Unterstützer, ihn mit Hasskommentaren zu überziehen. Am Anfang, sagt Maas heute, habe er sie noch mitgelesen. Dann wurden sie zu zahlreich "und zu abartig", sagt er. Nach ein paar Wochen merkte er: Hier ist etwas anders, als ich es gewohnt bin. Und das womöglich auf Dauer.

Denn das, was da über ihn hereinbrach, war nicht der übliche Shitstorm, der Politiker manchmal ereilt, wenn sie etwas Unpopuläres gesagt haben. Nein, es war heftiger. Es war härter. Und es hörte nicht mehr auf. "Alles, was ich tat", sagt Maas, "wurde in den sozialen Netzwerken kommentiert, beschimpft und mit Drohungen versehen, sodass mir irgendwann klar wurde, dass es nicht mehr um politisch-inhaltliche Fragen geht. Einige scheinen leider auch angefangen zu haben, sich persönlich an mir abzuarbeiten."