Die Woche begann mit einem Durchbruch für die deutsche Autoindustrie. Ein neues Wasserstoffauto? Eine deutsche Superbatterie? Viel besser. "Bugatti Chiron fährt Weltrekord", dröhnte eine Meldung aus dem Volkswagen-Konzern in die Republik. Der Stolz vibrierte durch jede Zeile. Hatte doch der "1500 PS starke Supersportler" in weniger als 42 Sekunden von null auf vierhundert beschleunigt und wieder auf null abgebremst, und das alles beglaubigt vom TÜV. Noch Fragen?

Autodeutschland zeigt, wozu es imstande ist, und es kann einem angesichts dieser Macho-Nummer angst und bange werden um die wichtigste Industrie im Land. Haben die Vorstands- und Aufsichtsratschefs, fast allesamt Männer über 60, den Schuss nicht gehört? Jedenfalls scheinen sie mehr Zeit damit zu verbringen, den Dieselskandal kleinzureden und sich gegenseitig Vorwürfe zu machen, als damit, auf die kalifornische Herausforderung zu antworten

Tesla zeigte elegant, was es eigentlich anbietet: Ein iPhone auf vier Rädern

Die hat Tesla gerade wieder elegant demonstriert. Der E-Auto-Hersteller aus dem Silicon Valley schenkte Tesla-Käufern in Florida mehr Reichweite, indem er den Autos übers Internet eine neue Software schickte und auf diese Weise zusätzliche Batteriekapazität freischaltete. Die Kunden sollten vor dem Hurrikan Irma fliehen können, ohne dass sie zu schnell Strom nachladen mussten. Mit dieser Geste haben die Kalifornier daran erinnert, dass sie eigentlich kein Auto verkaufen, sondern ein Smartphone auf Rädern: batteriebetrieben, lautlos und komplett vernetzt. Verbesserungen kommen nicht alle paar Jahre im neuen Blechkleid zum Kunden, sondern per Update über Nacht.

Hier stoßen zwei Welten aufeinander, und die alte Welt sieht dabei nicht gut aus. Am Donnerstag dieser Woche eröffnet Angela Merkel die Internationale Automobilausstellung in Frankfurt, auf der deutlich wird: Deutschland ist nicht mehr das Zentrum der Autowelt. Einige klassische Hersteller tauchen dort gar nicht mehr auf. Die Bundeskanzlerin wird auf dieser IAA den Dieselbetrug geißeln. Was sie nicht sagen wird: Ihre Regierung ist mit schuld daran, dass die deutsche Autoindustrie jahrelang die neuen Zeiten verdrängen konnte. Willfährig hat Berlin die PS-Industrie in Brüssel vor harten Abgasgrenzen bewahrt und zu Hause die Warnungen vor Abgastricks ignoriert. Und selbst heute noch verteidigt die Regierung den Diesel als klimaschonendes Auto.

Kann sein, dass sie damit bald ziemlich allein dasteht. Bei aller Verteidigungshaltung versuchen einige Auto-Chefs jetzt doch noch, die Zukunft zu umarmen. So hat Volkswagen mehr zu bieten als nur den monströsen Bugatti. Für 20 Milliarden Euro will der Konzern strombetriebene Autos entwickeln. In acht Jahren sollen die Kunden schon zwischen 50 Modellen wählen können. Sollte das gelingen, brächte erstmals ein führender Autokonzern seinen wichtigsten Vorteil auch bei neuen Antrieben zur Geltung: die Vielfalt. Und für die Regierung könnte es peinlich werden, wenn sie wacker ein altes Geschäftsmodell verteidigt, während sich die Konzerne längst eines Besseren besonnen haben.

Die Politik muss erkennen: Es geht wirklich ums Klima, aber anders als bisher behauptet. Deutschland darf nicht den Diesel schützen, nur weil er etwas weniger CO₂ produziert als ein Benziner. Das Mutterland des Verbrennungsmotors sollte zum Vorzeigeland für CO₂-freies Autofahren werden. Das ist der beste und dauerhaft auch der einzige Weg, um die führende Autonation auf der Welt zu bleiben. Dafür reicht es aber nicht, einige schicke E-Autos zu entwickeln und das Land mit einheitlichen Ladestationen zu versehen – auch wenn das schon ein echter Fortschritt wäre. Die Batterien müssen mit Strom hergestellt werden, der aus Wind und Sonne gewonnen wird. Und erst recht müssen die Autos mit erneuerbarer Energie gespeist werden.

Wer der Autoindustrie helfen will, der muss also den Klimaschutz neu beleben und die ins Stocken geratene Energiewende beschleunigen. Der darf auch nicht jeden Job in der Dieselproduktion verteidigen, sondern sollte auf neue, umweltverträgliche Arbeitsplätze setzen.

Hier wird die viel beschworene Einheit von Ökonomie und Ökologie tatsächlich konkret: für die Autoindustrie, die noch einmal von vorn anfangen muss, und für ein Land, das sich für ökologisch vorbildlich hält und doch seine Klimaziele bislang deutlich verfehlt.

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