Am frühen Morgen des 18. Juni 2017 um kurz nach sechs sieht sich der verdeckte Ermittler der italienischen Polizei am Ziel. Luca B. glaubt, endlich den Beweis dafür gefunden zu haben, dass die deutsche Hilfsorganisation Jugend Rettet und ihr Schiff Iuventa mit libyschen Schleppern zusammenarbeiten. Durch das Zoom-Objektiv seiner Kamera, so gibt Luca B. später zu Protokoll, beobachtet er vom Deck eines anderen Rettungsschiffes aus, wie die Iuventa etwa 14 Seemeilen vor der libyschen Küste Hunderte von Migranten und Flüchtlingen aus drei Holzbooten birgt.

Doch anstatt die leeren Kähne anschließend zu zerstören, so Luca B., habe ein grünes Beiboot der Iuventa die Holzboote um 7.53 Uhr zurück in Richtung Libyen geschleppt und dort treiben lassen. In der Nähe hätten bereits Schlepper auf die Rückgabe gewartet. Eines der Holzboote habe die roten Buchstaben "KK" getragen. Acht Tage später sichtet Luca B. dieses Boot bei einem neuen Migrantentransport.

Der verdeckte Ermittler notiert am 18. Juni noch einen weiteren Vorfall: Um elf Uhr meint er das grüne Beiboot dabei zu ertappen, wie es Kontakt zu einem kleinen, neben ihm fahrenden libyschen Schiff aufnimmt. Das Boot verschwindet daraufhin in Richtung Küste und taucht wenig später direkt vor der Iuventa mit einem Schiff voller Migranten auf.

Das sind die Beweise, auf die Staatsanwalt Ambrogio Cartosio aus der italienischen Hafenstadt Trapani gewartet hat. Nach seiner Auffassung belegen sie, dass sich die Iuventa- Besatzung der "Beihilfe zur unerlaubten Einreise" nach Italien strafbar gemacht hat. Am 2. August lässt er das Rettungsschiff, als es im Hafen der Insel Lampedusa einläuft, beschlagnahmen und von der Polizei nach Trapani auf Sizilien überführen. Dort liegt es seither fest. Jugend Rettet behauptet, die Beobachtungen des verdeckten Ermittlers seien falsch, und verlangt die Herausgabe der Iuventa. Konkrete Angaben zu den Vorwürfen verweigert die NGO bislang.

Staatsanwalt Cartosio jedenfalls scheint fest entschlossen, den Deutschen den Prozess zu machen. 551 Seiten umfasst seine Ermittlungsakte, die der ZEIT vorliegt. Das Engagement von Jugend Rettet im Mittelmeer könnte also ernste Konsequenzen haben. Der Iuventa- Besatzung drohen bis zu drei Jahre Gefängnis und eine Geldstrafe von bis zu 15 000 Euro pro illegal eingereistem Migranten.

Cartosio begründet seinen Straftatverdacht vor allem mit der von Luca B. behaupteten und mit Fotos dokumentierten Rückgabe der drei Holzboote. Jugend Rettet, so argumentiert er, beschränke sich nicht auf die Seenotrettung. "Auch wenn das Zerstören der Migrantenboote nur eine Empfehlung" der italienischen Seenotleitstelle IMRCC sei, "so ist doch das Zurückführen der Boote noch ein Schritt mehr, als diese Empfehlung nur zu ignorieren".

Als hätte es der Staatsanwalt bei Jugend Rettet mit der Mafia zu tun, betreibt er schon seit Monaten einen gigantischen Ermittlungsaufwand. Cartosio ließ Handys anzapfen und auf der Brücke der Iuventa Abhörmikrofone verstecken, mehr als tausend Gespräche wurden belauscht. Er vernahm über ein Dutzend Zeugen, sicherte Berge von Dokumenten – und platzierte auf einem anderen Rettungsschiff einen verdeckten Ermittler. Wanzen, Undercover-Agenten, Helfer spionieren gegen Helfer – die Ermittlungsakte liest sich wie ein Krimi von John Le Carré.