DIE ZEIT: Frau Schehl, was hat Sie an dem Wort "passiv" gestört?

Melanie Schehl: In dem Begriff steckt ja der Gedanke: Etwas wurde nicht gemacht, ich war inaktiv. Bezogen auf mich: Ich als Frau, die mit 44 Jahren höchstwahrscheinlich keine Kinder mehr bekommen wird, komme meiner gesellschaftlichen Verpflichtung nicht nach. Das sehe ich nicht so.

ZEIT: Erleben Sie diese Haltung häufig?

Schehl: Unterschwellig. In den Medien nimmt die Sorge um Geburtenzahlen, speziell bei Akademikerinnen, oft einen moralisch-fragenden Ton an. Privat ist es meist anders gemeint. Die klassische Situation ist, dass ich mit anderen Frauen rede, die Mütter sind. Ich erzähle, dass ich keine Kinder habe, und sie sagen: Wart mal ab, da kommt der Richtige, und dann geht das ganz schnell.

ZEIT: Das haben einige wahrscheinlich selbst so erfahren.

Schehl: Klar. Das stimmt auch sehr oft, und auf eine Art habe ich das dann irgendwann auch angefangen zu glauben. Obwohl ich den Wunsch, Mutter zu werden, nie so stark in mir gespürt habe.

ZEIT: Gab es Zeiten, in denen Sie es sich hätten vorstellen können?

Schehl: Mit Anfang dreißig hatte ich eine Phase, in der ich einen Mann geliebt habe, der mir signalisiert hat, er könne sich alles vorstellen. Aber ein Kind war da mehr eine Möglichkeit als eine konkrete Überlegung. Mit Mitte dreißig hatte ich immer dieses Bild von meiner Zukunft in meinem Kopf: eine Altbauwohnung, Freunde sind da, wir kochen zusammen, Kinder laufen herum. Aber es waren nie meine Kinder.

ZEIT: Nie mal gedacht: Ach, wäre doch schön mit einem Kind?

Schehl: Ehrlich gesagt, nicht. Ich hatte nie diesen Drang in mir, den so viele Frauen kennen. Neulich traf ich eine Frau, 36 Jahre alt, intelligent, charismatisch, hübsch, die mir erzählte, dass sie sich mit dem Thema Co-Parenting auseinandersetze – also damit, ein Kind von jemandem zu bekommen, mit dem sie nicht zusammen ist. Ihr hat allein das Nachdenken darüber ein wenig den Druck genommen, den sie spürt, weil sie sich unbedingt ein Kind wünscht und dazu keinen Partner findet. Das hat mich berührt, und gleichzeitig habe ich gemerkt: Diesen Druck habe ich nicht einen Tag in meinem Leben gespürt.

ZEIT: Und was empfinden Sie, wenn Sie ein Baby auf dem Arm haben?

Schehl: Das kann ich Ihnen genau sagen: Vor einem Monat war die Taufe meines jüngsten Neffen. Wir saßen in einem Münchner Biergarten, die Freundin meiner Schwester gab mir ihre sechs Wochen alte Tochter auf den Arm. Durch mich schossen elektrische Ströme, ich bekam glasige Augen, alles um mich herum lachte. Natürlich habe ich auch gegrinst. Aber das Interessante ist, was meine Schwester mir später sagte: Ja, du bist gerührt, dir gibt das was, aber du setzt dich dann wieder hin und führst eine Unterhaltung weiter, du bist nicht bitter und rennst in eine Hormontherapie. Ich glaube, das ist für viele schwer zu verstehen.

ZEIT: Gab es einen Moment, in dem Sie realisiert haben: Jetzt ist es vorbei? Jetzt geht es nicht mehr?

Schehl: Nein, es gab nie den einen Knall oder die große Traurigkeit. Was mich eher irritiert, ist, dass Frauen, die mich wenig kennen, mir jetzt manchmal immer noch sagen: Ach, wenn du noch willst, geht das selbst in deinem Alter noch. Da ertappe ich mich bei dem Gedanken: Hört das denn nie auf?

ZEIT: Wie reagieren Sie darauf?

Schehl: Das ist ja aufbauend gemeint, deshalb reagiere ich nie patzig. Ich finde es auch schön, wenn eine Frau, die gerade Mutter geworden ist, mir das gleiche Glück gönnt. Was mich aber beunruhigt, ist, dass es vielen anscheinend schwerfällt, sich kinderlose Frauen ohne Verzweiflung vorzustellen. Warum gilt es als Abweichung, dass ich keine Kinder habe? Warum wird ein Grund dafür gesucht? Warum müssen es die Karriere oder die falschen Männer sein? Was für ein konservatives Weltbild steht dahinter?

ZEIT: Das regt Sie richtig auf.

Schehl: Ja! Wir Frauen definieren uns wieder über Kinder, die Medien treiben das voran, und in vielen privaten Diskussionen ist es Thema: Menschen mit Kindern – Menschen ohne Kinder. Dabei ist die Wirklichkeit doch viel komplexer. Ich habe mehr Freundinnen, die Kinder haben, als solche, die keine haben. Ich würde im Traum nicht daran denken, mich mit Kinderlosen zu verbünden. Meine Schwester hat zwei Kinder, lebt ein ganz anderes Leben, und ich würde trotzdem sagen, dass wir uns nicht ähnlicher sein könnten. Weil wir ähnlich denken und ähnliche Einstellungen haben. Darum geht es doch, nicht um diese Spaltung.

ZEIT: Wenn Sie zu einem Abendessen eingeladen sind, erleben Sie dann die Spaltung?

Schehl: Man muss unterscheiden. In künstlerischen, alternativ denkenden Kreisen wird abends weniger über Kinder gesprochen. Was mir aber im Vergleich zu Köln und Berlin als sehr Hamburg-typisch vorkommt: In kaufmännischen oder bürgerlichen Milieus steht man abends auf dem Balkon, es sind keine Kinder da, man kommt ins Gespräch, die erste Frage ist: Was machst du beruflich? Und die zweite: Hast du Kinder? Es kann sogar passieren, dass dann kommt: War das nie was für dich? Und das vor dem zweiten Glas Wein.