Der 30. Juni 2017 war ein denkwürdiger Tag. Mit einer großen Mehrheit aus SPD, Die Linke, Grünen und rund einem Drittel der Abgeordneten der CDU/CSU-Fraktion beschließt der Bundestag die Öffnung der Ehe für homosexuelle Paare. Konfetti fliegt durch den Berliner Reichstag. Das Bild des strahlenden Volker Beck (Die Grünen) geht um die Welt. Damit vollziehen die Parlamentarier, was gesellschaftlich bereits lange gefordert wird. Eine überwältigende Mehrheit findet seit Jahren die Öffnung der Ehe für homosexuelle Paare gut. Selbst die Mehrheit der CDU-Wähler ist 2017 einverstanden. Der Drops ist gelutscht. Nur für viele Konservative in der katholischen und evangelischen Kirche schmeckt er noch immer bitter.

Gesamtgesellschaftlich mag die Debatte zu Ende sein. In bestimmten kirchlichen Kreisen jedoch geht sie weiter. Da fragt man sich, wie man die moralische Diskurshoheit verlieren konnte und warum man im Ringen um die innere Verfasstheit unserer Gesellschaft seit Jahrzehnten nur noch Niederlagen einstecken muss. Gerne wird dabei der eigene Bedeutungsverlust beklagt, statt sich selbstkritisch zu fragen, warum die eigenen Argumente immer weniger Menschen erreichen. Besonders deutlich wurde dies am 30. Juni im Bundestag, als Volker Kauder (CDU), ein bekennend konservativer Christ, die wohl wichtigste Rede gegen die Ehe für alle hielt. Es lohnt sich, Kauders Begründung noch einmal anzusehen. Denn sie steht symptomatisch für die Sprachlosigkeit eines ganzen politischen Lagers.

Drei Argumente trägt Kauder vor. Sein erstes ist schon denkbar schwach: Als Christ könne er die Ehe für alle nicht unterstützen, er wisse aber auch, dass man das als Christ auch unterstützen könne. Zweitens: Die Ehe sei seit Jahrhunderten die Verbindung von Mann und Frau. Drittens: Man müsse auch die Meinung derer respektieren, die, wie er, anderer Meinung seien als die Mehrheit im Deutschen Bundestag. Das Beispiel zeigt: Der Konservativismus von heute bezieht nur noch Position ohne stichhaltige Argumentation. Für seine Position fordert er Respekt, ohne vernünftige Begründungen zu liefern, die man respektieren könnte. Was Kauder im Bundestag vorträgt, sind Pseudoargumente, die nicht geeignet sind, andere zu überzeugen, und nur der Selbstvergewisserung dienen. Beinahe unerheblich ist es da, dass Kauders Argumente sich bereits durch eine einfache Frage aus den Angeln heben lassen: Ist eines der von Kauder skizzierten Argumente in der Lage, die erneute Abschaffung der Ehe für alle zu begründen?

Die Antwort lautet nein. Das Argument, etwas sei schon immer gleich, ist rein logisch sofort ungültig, sobald man es einmal ändert. Seit dem Beschluss im Bundestag kann sich Kauder nicht mehr ins Parlament stellen und sagen: "Das haben wir noch nie so gemacht." Der Bezug auf die jahrhundertealte Tradition büßt seine argumentative Kraft ein, wenn Tradition zur Geschichte wird. Das konservative Argument, was schon immer war, dürfe sich nicht ändern, ist ein denkbar schwaches. Dinge ändern sich ständig unter dem Druck der gesellschaftlichen Erwartungen – das gilt auch und besonders für unser Verständnis der Ehe. Wer diesen beständigen Wandel ignoriert, wer Tradition als Stillstand missversteht, wird, das Beispiel Volker Kauders zeigt es, sprach- wie wirkungslos.

Natürlich ist die Ehe für alle hierfür kein Präzedenzfall. Ähnlich sprachlos war das konservative Lager bereits, als die Pille eingeführt, die Gesetzgebung zur Abtreibung liberalisiert oder die Wehrpflicht abgeschafft wurde. In all diesen Fällen wurde deutlich: Der Konservativismus hat mit seiner Überzeugungs- auch seine gesellschaftliche Bindekraft verloren. Doch so verloren wie am 30. Juni erschien die konservative Sache selten.

Erik Flügge, 31 Jahre, lebt als Politikberater und Autor in Köln. Sein Buch "Der Jargon der Betroffenheit. Wie die Kirche an ihrer Sprache verreckt" stand 2016 auf der "Spiegel"-Bestsellerliste. © Squirrel and Nuts GmbH

Insoweit kann man Volker Kauders Rede als Ausdruck einer großen Überforderung verstehen: Angesichts einer großen Zahl kinderloser Ehen, angesichts der längst erfolgten Legalisierung der Antibabypille lässt sich die Ehe nicht mehr allein als Reproduktionsgemeinschaft definieren. Dass selbst von gemäßigten Konservativen immer wieder zu hören ist, das volle Adoptionsrecht für homosexuelle Paare gefährde das Kindeswohl, wirkt in diesem Zusammenhang mehr wie eine Schutzbehauptung als ein ernst zu nehmendes Argument. Schließlich weisen vielfältige Studien nach, dass es Kindern, die von homosexuellen Eltern erzogen werden, oft genauso gut oder schlecht geht wie Kindern, die in heterosexuellen Beziehungen aufwachsen – oft geht es ihnen sogar statistisch erwiesen besser. Fakten und Argumente scheinen also für die Bestätigung des eigenen konservativen Weltbilds nicht mehr ausschlaggebend zu sein. Wortmeldungen werden zu Glaubensbekenntnissen. Gegenargumente werde ausgeklammert, weil man sich der eigenen nicht mehr sicher ist. An die Stelle des "Ich will überzeugen" tritt der Geist des "Ich will die Änderung einfach nicht" – keine Ehe für alle, keine Diskussion.

Gefühlte Wahrheiten jedoch werden für andere nicht überzeugender, wenn man sie nur noch mit dem generellen Respekt für abweichende Meinungen begründen kann – auch das hat die Diskussion um die Ehe für alle zum Glück gezeigt.