Wenn Siri Unsinn antwortet oder Facebook schwachsinnig übersetzt, dann erhebt sich der Mensch selbstzufrieden über die dumme Technik. Zugleich leisten sich so ziemlich alle großen Digitalkonzerne eigene Institute, in denen sie über jene Zukunft nachdenken lassen, in der die Künstliche Intelligenz (KI) die Macht über den Planeten ergriffen haben wird. Ein Paradox, das vor 60 Jahren schon den KI-Pionier Marvin Minsky verwunderte: Wir trauen den Computern wenig zu – und doch alles.

Gegenwärtig denken industriefinanzierte Futuristen beispielsweise an globale Superhirne sowie an Roboter, also an Kombinationen von KI mit Maschinenkörpern, die den Menschen versklaven könnten. Selbst Naturwissenschaftler wie der Physikstar Stephen Hawking und Technikunternehmer wie der Tesla-Gründer Elon Musk stimmen in den Chor der Warner ein.

Auftritt Rodney Brooks. Der Australier hat Robotik-Geschichte geschrieben, als Schrauber, Unternehmer und Theoretiker. Ihm verdankt die Menschheit Roboter auf dem Mars und in Fukushima, in zig Millionen Haushalten, in Labors und Fabriken. Denn vor drei Jahrzehnten löste Brooks eine Revolution in der Robotik aus, indem er zeigte, wie komplexes Verhalten Schicht für Schicht aus simplen Grundregeln aufgebaut werden kann. Nun schlug er Ende August noch einmal zu und knöpfte sich auf seinem Blog Robots, AI, and other stuff (grob übersetzt: "Roboter, KI und anderes Zeug") die Apokalyptiker vor.

"Wir befinden uns in einer KI-Blase", schreibt Brooks. "Und ich glaube, wenn sie nicht platzt, dann wird sie mit Sicherheit bald in sich zusammenfallen (...). Das meiste von dem, was wir über KI in den Zeitungen oder von irregeführten wohlmeinenden Akademikern lesen, einschließlich Physikern und Kosmologen, ist, wie ich glaube, vollkommen daneben" – eine Breitseite gegen Hawking.

"Ich bin sicher", legt Brooks nach, "dass kein KI-System und kein Roboter auch nur eine rudimentäre Form von Bewusstsein besitzt oder auch nur irgendeine subjektive Erfahrung oder gar irgendein Selbstgefühl. Ein Grund dafür ist, dass kaum jemand an diesem Problem arbeitet. Es gibt kein Geld für die Konstruktion von Robotern mit Bewusstsein oder auch nur von KI mit Bewusstsein. Aus zwei Gründen. Erstens hat niemand ein solides Argument dafür hervorgebracht, dass Bewusstsein die Performance von Robotern verbessern würde, und zweitens hat niemand irgendeine Idee, wie man dorthin gelangen sollte." Wumms.

Brooks steht mit seiner Kritik nicht allein. Unlängst hat der Pariser KI-Forscher Jean-Gabriel Ganascia die Warnungen von Musk, Hawking und anderen Computerkassandras als "Sieg des Mythos über den Logos" bezeichnet. In diesem Jahr veröffentlichte er das Buch Le mythe de la Singularité – der Mythos von der Singularität. Darin zerlegt Ganascia die kursierende Theorie, die Menschheit bewege sich mit KI, Robotik und Genetik auf einen irgendwo in der Mitte dieses Jahrhunderts liegenden Punkt (die Singularität) zu, von dem an übermenschliche Intelligenz die Geschehnisse auf dem Planeten bestimmen werde.

Diese Prognose wird unter anderem mit dem rasanten Aufstieg des maschinellen Lernens begründet, des gegenwärtig profitabelsten Zweigs der KI. Maschinelles Lernen ist die Leistung von Computerprogrammen, deren Strukturen bestimmten Aspekten natürlicher Gehirne nachempfunden sind (künstliche neuronale Netze, KNN). Derartige Software lässt sich trainieren, bis sie Muster in Datensätzen erkennt. Wäre es also möglich, dass sich solche Programme mithilfe gigantischer Datenmengen und globaler Computerpower irgendwann eine vom Menschen nicht mehr erreichbare Intelligenz zulegen?

Nun, maschinelles Lernen ist Ganascias Spezialgebiet. Sein Verdikt lautet, bisher habe sich noch keines dieser Programme menschlicher Intelligenz auch nur angenähert.

Das ist natürlich kein Unmöglichkeitsbeweis. Aber den wollen Ganascia und Brooks auch gar nicht antreten. Sie überlassen die ferne Zukunft der fernen Zukunft. Die eigentliche Gefahr bestehe zurzeit nicht darin, künstliche Intelligenz zu unter-, sondern sie zu überschätzen, schreibt Ganascia: "Die Angst maskiert die Gefahr."