Chemnitz

Als Liebhaber der Kollektivneurosen, als unerschrockener Spötter, überdies als fantastischer Menschenmaler, der sich der "Tyrannei der Abstraktion und des Rechten Winkels" stets zu widersetzen wusste – so wurde Johannes Grützke von vielen Kunstfreunden verehrt, so wurde er von weiten Teilen des (westlich geprägten) Kunstbetriebs links liegen gelassen. Er selbst nahm es meist mit Selbstironie: "Ich bin ein Klassiker. Stehe wie ein Denkmal auf dem Podest und warte nur auf den Avantgardisten, der mich hinunterwirft." Kürzlich erst ist Grützke gestorben, am 30. September wäre dieser immer noch viel zu unbekannte Künstler 80 Jahre alt geworden. An diesem Geburtstag eröffnet nun eine große Ausstellung seiner Werke in Chemnitz (bis 14. Januar 2018); parallel zeigt die Akademie der Künste in Hamburg eine Auswahl (bis 15. Oktober).

Stade

Ein braver Arbeiter ist er, geht jeden Tag von halb zehn bis halb sieben ins Atelier, was aber Thorsten Brinkmann da macht, lässt alle Stechuhrhaftigkeiten hinter sich. Er liebt es, aus Teppichresten, altem Besteck, Regenschirmteilen, Federbüscheln oder abgebrannten Kerzenstummeln etwas zusammenzubasteln, das ebenso gaga wie Dada ist, auf wunderbare Weise surreal und unterhaltsam. Auch eine Hundeschwanzwedelmaschine hat er schon erfunden, meistens aber übt er sich in der Kunst der Selbstvermummung und verkleidet sein Ich zur Unkenntlichkeit. Oder entstellt er es bloß zu einer höheren Wahrheit? Das Kunsthaus Stade zeigt seine "Ausdrucksprothesen" – dieses mal von Marcel Duchamp inspiriert – vom 21. Oktober 2017 zum bis 4. Februar 2018.

London

Über Marcel Duchamp schien ja längst alles gesagt. Wie eigentlich kein anderer Künstler hat er das 20. Jahrhundert mit seinen Kunstwerken über die Kunst beeinflusst; und eigentlich sollte ihn irgendein Museum mal kraftvoll verfluchen, weil seine Readymades noch immer so viele Kunststudenten dazu verführen, sich mit ein paar Fix-und-fertig-Arrangements zu begnügen. Doch an der Royal Academy in London hat man jahrelang geforscht und verspricht, vom 7. Oktober 2017 bis zum 3. Januar 2018 einige neue Erkenntnisse präsentieren zu können – nicht zuletzt deshalb, weil man ihn zusammen mit einem anderen Künstler zeigt, der nicht minder erfolgreich, doch ganz anders gepolt war: Salvador Dalí. Ausgestellt wird eine höchst ungewöhnliche Freundschaft – und wenn es gut geht, soll sich der Blick auf die beiden Giganten verwandeln und die Kunstgeschichte neu sortieren. Ein echtes Experiment – mit Urinal und hochgezwirbeltem Bärtchen!

Stuttgart

Gardinen im Streiflicht oder auch ein paar Gummibäume im Treppenhaus – man kann nicht behaupten, dass es besonders schrille Motive wären, die den Fotografien von Ann-Kathrin Müller ihre ungewöhnliche Spannung geben. Das Kunsthaus Stuttgart zeigt die Bilder der jungen Künstlerin, sehr kühl, sehr still, sehr stark, vom 7. Oktober 2017 bis zum 7. Oktober 2018.

Hamburg

Ob auch Kanarienvögel dabei sein werden, die zur Musik von Elvis Presley wie verrückt zu zwitschern anfangen, ist nicht bekannt. Doch ansonsten gibt es Tiere in jeder Größe und Form, gemalt, geknetet, gegossen, fotografiert und gefilmt – und stets mit der Frage behaftet, was den Menschen an diesen Kreaturen eigentlich fesselt. Liebt er an ihnen mehr das Fremde oder eher das Eigene? Werke von Albrecht Dürer, Paul Klee, Franz Marc, Douglas Gordon oder Jean Paul Gaultier gibt es zu sehen, vom 3. November 2017 bis zum 4. März im Museum für Kunst und Gewerbe in Hamburg, das dazu einlädt, die "gemeinsame Geschichte von Mensch und Tier" neu zu erkunden. Tschiep, tschiep!

Berlin

Endlich ist Willi Baumeister, einer der prägenden Maler der deutschen Moderne, auch als fantastischer Zeichner zu bewundern. Auf Papier gewann er eine ungeahnte Freiheit, und gemeinsam mit Werken von Oskar Schlemmer, Fernand Léger, Pablo Picasso oder Jackson Pollock entfaltet sich im Kupferstichkabinett Berlin (9. Dezember 2017 bis 8. April 2018) ein intimes Panorama des 20. Jahrhunderts.

Ettlingen

Das Schöne an der deutschen Museumslandschaft: Sie ist eigentlich ein Museumsdschungel, und überall, noch in den Mittel- und Kleinstädten, lassen sich erstaunliche Dinge auftun, etwa in Ettlingen bei Karlsruhe, wo die Städtische Galerie gerade das Werk des Bildhauers Karl Albiker zeigt, gemeinsam mit Bildern des unvergleichlichen Karl Hofer – eine Zwiesprache der beiden Freunde, die es nur hier gibt, fernab der großen Zentren (bis zum 3. Oktober).

Wien

Schon zu Lebzeiten wurde Raffael wie ein Heiliger verehrt, viele seiner Bilder galten als Ikonen, unendlich oft reproduziert, Inbilder kindlicher Gläubigkeit. Noch im 19. Jahrhundert hob ihn ein Maler wie Ingres in den Himmel: "Er war die Schönheit selber, er war gut, er war alles." Diese Überhöhung zum "pittorissimo" wirkt heute seltsam hohl. Was einst als das Schöne schlechthin galt, erscheint seltsam kühl und fremd. Doch gibt es auch den anderen Raffael, und vor allem auf den Zeichnungen, die jetzt in der Wiener Albertina in großer Fülle gezeigt werden (zusammen mit einigen Gemälden), lässt er sich entdecken: Mal bringt er mit tanzendem Schwung eine Madonna fast zum Schweben; dann wieder entwirft er mit feinstem Strich einen Mädchenkopf, zart und verletzlich. Die Ausstellung erweckt Raffael, den Erstarrten. Sie macht ihn zu einem Künstler des Unberechenbaren (vom 29. September 2017 bis zum 7. Januar 2018).