Es gibt viele Arten von Forschungsfragen. Besonders interessant sind solche, auf die jeder die Antwort zu kennen meint und die deshalb niemand stellt. Stimmt-es-eigentlich-Fragen könnte man sie nennen. Martin Neugebauer scheint so ein Stimmt’s-Frager zu sein. Zum Beispiel schien es ausgemacht, dass Jungen schlechter in der Schule sind, weil zu wenige Männer sie unterrichten. Bis Neugebauer gemeinsam mit Kollegen herausgefunden hat, dass das Geschlecht des Lehrers für die Leistungen der Schüler – egal ob Mädchen oder Jungen – keine Rolle spielt.

Nun hat Neugebauer, der an der Freien Universität in Berlin empirische Bildungsforschung lehrt, eine neue Frage gestellt: Was bringt es Schülern mit Migrationshintergrund, wenn sie häufiger von ebensolchen Lehrern unterrichtet werden?

Das zahlenmäßige Missverhältnis an deutschen Schulen ist offensichtlich: 37 Prozent der Erstklässler stammen aus einer Einwandererfamilie, von den Lehrern sind es nur sechs Prozent. Die Schlussfolgerung daraus leuchtet unmittelbar ein: Viele Schüler fühlen sich und ihre Kultur nicht voll akzeptiert. Und auch die Forderung liegt auf der Hand: Die Kollegien brauchen in ihren Reihen mehr Lehrer mit türkischen, russischen oder arabischen Wurzeln. Als Vorbilder, die es selbst geschafft haben, und Brückenbauer in die Familien. Damit sich die Schüler mit Migrationshintergrund in der Schule besser verstanden wissen und ihre – im Schnitt immer noch unterdurchschnittlichen – Leistungen verbessern.

Dieser Logik folgt die deutsche Schulpolitik seit Jahren in seltener Einmütigkeit. 2007 haben sich die Bundesländer im Nationalen Integrationsplan verpflichtet, die Zahl der Lehrer mit Migrationshintergrund beträchtlich zu steigern. Stiftungen vergeben Stipendien und organisieren Schülercampusse, auf denen Abiturienten aus Einwandererfamilien der Lehrerjob schmackhaft gemacht wird. Kultusministerien schalten Anzeigen ("Vielfalt bildet"), legen Quoten für Referendare fest und ebnen Studenten aus der Zielgruppe mithilfe von Mentoren, Konferenzen und Netzwerken den Weg in die Schule.

Trippelschrittweise werden die Kollegien bunter. In Berlin und Stuttgart tragen mittlerweile erste Schulleiter nichtdeutsche Namen, Bremen hat eine afrikanischstämmige Oberschulrätin. Als vorbildlich erweist sich Hamburg. Hier kann immerhin knapp ein Viertel aller Referendare eine Migrationsgeschichte vorweisen – und sich nun als das von Experten gepriesene "Rollenmodell" und als "interkultureller Lernhelfer" im Klassenzimmer profilieren.

Was nützt einer Pädagogin Farsi bei einer albanischen Familie?

Aber sehen die Betroffenen sich in dieser Rolle überhaupt? Was ist, wenn sie eigentlich nur Chemie oder Deutsch unterrichten wollen und nicht auch noch, wie man sich in Deutschland integriert? Und: "Tragen Lehrkräfte mit Migrationshintergrund zur Reduktion ethnischer Bildungsnachteile bei?"

So hieß die Forschungsfrage, die Martin Neugebauer und sein Team in diesem Jahr stellten. Als Grundlage diente den Wissenschaftlern eine große Stichprobe von Schülern aus den neunten Klassen, mit der die Kultusministerkonferenz alle drei Jahre die Kompetenzen der Neuntklässler in den Bundesländern messen lässt. 2008 wurde hierbei erstmals die Herkunft der Schüler und ihrer Lehrer erhoben. So konnte man messen, welchen Vorteil es für einen Migrantenschüler hat, wenn sein Lehrer selbst eine Einwanderungsgeschichte mitbringt.

Die Antwort lautet: Es hat gar keinen Vorteil. Weder werden die in den Vergleichstests gemessenen Lernleistungen noch die Noten besser, wenn ein Lehrer mit Migrationshintergrund am Smartboard steht. Die untersuchten Lesekompetenzen deuten sogar ein klein wenig in die entgegengesetzte Richtung. Im Fazit der bislang unveröffentlichten Studie heißt es: "Die Befunde mahnen vor zu hohen Erwartungen, was die besonderen Kompetenzen und Ressourcen von Lehrkräften mit Migrationshintergrund betrifft."

Überrascht haben Neugebauer die Resultate allerdings nicht. Schon im vergangenen Jahr hatte der Professor zusammen mit seinem Mannheimer Kollegen Oliver Klein den Einfluss von Pädagogen mit Zuwanderungsgeschichte untersucht. Nicht in der Schule, sondern in der Kita.

Die Ergebnisse standen – vorsichtig formuliert – auch etwas quer in der derzeitigen bildungspolitischen Landschaft. Denn für Sprachkenntnisse oder das Zahlenverständnis der Vorschüler offenbarte sich der Migrationshintergrund der Erzieher als "irrelevant"; beim Sozialverhalten zeigten sich "leicht negative Effekte". Selbst die erhoffte Brückenfunktion der Erzieher in die Migrantenfamilien erwies sich als Wunschdenken: Die Erzieher pflegten keine intensiveren Kontakte zu den entsprechenden Eltern.