Politik ist wie ein Eisberg, 90 Prozent sind unter Wasser. Was man nicht sieht: die Fehler, die vermieden werden, die Treffen, die nicht stattfinden, die Ereignisse, die ausbleiben, die Sätze, die ungesagt bleiben, die dunklen historischen Unterströmungen.

Zwei Linke ohne Worte

Das ausgebliebene Treffen, um das es hier gehen soll, ist dasjenige zwischen Martin Schulz, dem Kanzlerkandidaten ohne erkennbare Machtperspektive, und Sahra Wagenknecht, die sie ihm vielleicht hätte verschaffen können, es jedoch unterließ. (Vielleicht lag es aber auch an ihm, dazu später.) Jedenfalls haben die beiden sich nie getroffen, um mal zu bereden, ob zusammen etwas gehen könnte oder wie sich die politische und menschliche Irritation, die von so einem linken Bündnis für die Wähler ausgehen würde, verringern ließe.

Am nächsten dran an einem Gespräch waren die beiden vor gut zwei Jahren, da begegneten sie einander nämlich im Privathaus von Oskar Lafontaine und Sahra Wagenknecht im saarländischen Silwingen. Martin Schulz war zu Besuch, seinerzeit noch nicht Parteivorsitzender, aber gewiss schon mit Ambitionen in diese Richtung. Nach einer freundlichen Begrüßung der drei zog jedoch die Dame des Hauses sich diskret zurück, während die Männer das Schicksal der Welt, der Linken und der SPD besprachen. Über die Natur dieses Verschwindens gehen die Aussagen auseinander. Doch ob Sahra Wagenknecht nun von ihrem Mann gebeten wurde hinauszugehen oder ob sie von sich aus den Raum verlassen hat – so oder so kam es zu keinem Gespräch zwischen den beiden heutigen Spitzenkandidaten, nicht dort und nicht woanders, nicht damals und nicht danach.

Linke ohne Mehrheit

Das aller Voraussicht nach ausbleibende Ereignis, das unter der Wasseroberfläche liegt, ist eine machtfähige linke Mehrheit in Deutschland. Zum vierten Mal in Folge dürfte es SPD, Linken und Grünen (die hier der Einfachheit halber mal gänzlich dem linken Lager zugeschlagen werden sollen) nicht gelingen, gemeinsam den Kanzler zu stellen, trotz allem nicht: obwohl Angela Merkel nun schon seit zwölf Jahren regiert, was in einer Welt, die nach Veränderung geradezu süchtig ist, zumindest erklärungsbedürftig scheint; obwohl Martin Schulz im Frühjahr kurzzeitig die Potenzialseite der SPD freigelegt hat und seine eigene auch; obwohl beispielsweise Sahra Wagenknecht der Überzeugung ist, dass eine weitere Runde Merkelscher Austeritätspolitik die Demokratie und die EU massiv gefährden würde; und obwohl diesmal mit FDP und AfD zwei Parteien rechts von der Mitte ins Parlament streben, was den linken Gegenkräften eigentlich Auftrieb geben müsste.

Obwohl dies alles so ist, spricht nichts dafür, dass die linken Parteien sich einer Mehrheit auch nur annähern. Vielmehr sieht es so aus, als sei die deutsche Linke in die Niederlage geradezu verliebt, als brauche sie das Scheitern, um zu bestehen.

Liegt es an den handelnden Personen, also am politischen Charakter von Martin Schulz und Sahra Wagenknecht? Liegt es an der Psychologie ihrer Parteien? Oder liegt es am Ende vielleicht an der deutschen Geschichte, an der Ermordung Rosa Luxemburgs etwa, fast 100 Jahre her, oder am Rücktritt Oskar Lafontaines als Finanzminister vor nun auch schon 20 Jahren?

Aber ein paar lumpige Jahrzehnte sind nichts, wenn es um Mythen geht. Die Antwort auf alle drei Fragen lautet also: Ja.

Die freundliche Fremde

Berlin im März. Sahra Wagenknecht, die Frau, die "kalt wie eine Hundeschnauze" sein soll, zudem knallhart und dogmatisch, mit der man angeblich nicht reden kann, sitzt da in ihrem viel zu kleinen Fraktionsbüro, sie lächelt anstrengungslos. Und redet so offen, wie es Politiker nur selten tun. Beispielsweise über ihre Kindheit in der DDR. Aufgewachsen ist sie dort zunächst als eine Fremde, weil ihr Vater ein Iraner war. Er blieb nach einer Reise in die Heimat verschollen, als Sahra drei war. Er konnte sie also nicht beschützen vor den Folgen jenes Äußeren, das sie von ihm geerbt hatte: dunkle Augen, tiefer Haaransatz, schwarze Haare. Das war mehr Fremdheit als in der damaligen DDR üblich und verträglich: "Kinder sind keine Rassisten, aber sie reagieren oft ablehnend auf etwas, was ihnen fremd und ungewohnt vorkommt. Sie haben mich nicht mitspielen lassen und gesagt: Igitt, wie sieht die denn aus?! Darum wollte ich auch nicht im Kindergarten bleiben, ich habe mich da nicht wohlgefühlt." Finanziell trat der SED-Staat an die Stelle des Vaters und zahlte den Unterhalt, menschlich jedoch machte es ihr die DDR auch später noch schwer. Als die Phase der militarisierten Jugendfreizeiten kam, verweigerte sich Sahra Wagenknecht: Sie aß nichts. Zur Strafe wurde ihr später verboten zu studieren, erneut schied der sozialistische Volkskörper die Fremde aus.

Doch ausgerechnet Sahra Wagenknecht trat noch im Frühjahr 1989, zu einem Zeitpunkt also, als SED-Kader schon anfingen, Akten verschwinden zu lassen, in die Partei ein. Gewiss, sie war eine belesene Kopf-Sozialistin, aber war die SED noch eine sozialistische Partei? Jedenfalls hatte sie dieser Fremden einiges angetan.

Wagenknecht fühlte sich der DDR wohl nie so zugehörig wie nach deren Ende. 1994 gab die junge, trotzige Nachwuchspolitikerin ein Fernsehinterview, in dem sie gefragt wurde, ob ihr die DDR oder die BRD lieber sei. Ihre Antwort: "Na, ich hätte natürlich tausendmal lieber mein Leben in der DDR verbracht als in dem Deutschland, in dem ich jetzt leben muss." Man achte auf das "Na", das "tausendmal" und das "muss". Mit einem Schlag hatte sich Wagenknecht wieder zu einer Fremden gemacht, diesmal nicht wegen ihrer iranischen Wurzeln, sondern wegen ihrer Rückverheimatung in ein untergegangenes Land.