Der Stammplatz von Frau Bühler, einer tief gebräunten Sechzigjährigen, befindet sich direkt neben dem Schwimmbecken, an seiner südlichen Längsseite. Da ihr das stundenlange Liegen auf den Steinplatten zu hart ist, breitet sie ihr Handtuch auf einer Yogamatte aus. Und da sie zum harten Kern der Stammbesucherinnen zählt, genießt sie das Privileg, die Yogamatte über Nacht in einem Raum des Badepersonals verwahren zu dürfen.

Es ist zehn Uhr morgens. Die späte Augustsonne verspricht körperfreundliche Temperaturen zwischen hochsommerlicher Hitze und frühherbstlicher Kühle. Im "Lollo", wie das Lorettobad von den Einwohnern Freiburgs zärtlich genannt wird, bricht ein idealer Badetag an. Ideal zum Dösen, Lesen und zur Pflege sozialer Kontakte. Frau Endres, die wie Frau Bühler anders heißt, ist auch schon da. Ihr Stammplatz ist unter dem großen Nussbaum auf der gegenüberliegenden Beckenseite. Während Frau Bühler ihre Yogamatte ausrollt, winkt ihr Frau Endres zu. Sie hat eine Neuigkeit zu berichten, die sie aber nicht über die Wasserfläche schreien will, weshalb sie sich mit Frau Bühler mittels Handzeichen zu einer Plauderei während der ersten Schwimmrunde des Tages verabredet.

Das Bad, von dem die Rede ist, stellt eine Rarität dar. Es ist das einzige dem weiblichen Geschlecht vorbehaltene Bad in Deutschland. Seit 1873 sonnen sich hier ausschließlich Frauen. Erbaut wurde das Freiburger Lorettobad bereits 1842, drei Jahrzehnte später wurde ein Teil des Areals abgetrennt. Er erhielt den Namen Damenbad. Seit damals hat sich an der Zweiteilung des Geländes nichts geändert. Direkt hinter der Kasse geht es zum Damenbad, ein paar Schritte weiter zum weitläufigen Familienbad mit Wasserrutsche, Spielplatz, Tischtennisplatten und Kiosk.

Alteingesessene Freiburgerinnen haben im "Lollo" ihr Sommerzuhause, die treuesten seit der Zeit, als der deutsche Bundeskanzler Konrad Adenauer hieß. Frau Endres gönnt sich sogar die Annehmlichkeit, für die gesamte Saison eine Umkleidekabine zu mieten, die sie häuslich eingerichtet hat. Über einer Wäscheleine hängen Handtücher, auf einem Regalbrett lagern Bücher, Getränke in Tetrapaktüten und Haarshampoo, an der Wand lehnt die Sonnenliege, welche Frau Endres unter den Nussbaum stellen wird, bevor sie sich mit Frau Bühler im Wasser trifft.

Die 60 Kabinen, deren Reihe rechtwinklig zu den Sanitäranlagen verläuft, stehen unter Denkmalschutz wie das ganze, im Jugendstil errichtete Bad. Ihre nostalgische Aura wirkt so überzeugend, dass man nicht erstaunt wäre, eine Thomas-Mann-Figur im knielangen, geringelten Badekostüm aus einer Tür treten zu sehen. Und es lässt sich, zumindest morgens um zehn, nur schwerlich begreifen, wie dieser beschauliche Ort zum Brennspiegel gesellschaftlicher Großkonflikte werden konnte, deren Gemengelage sich kein Soziologenhirn treffsicherer hätte ausdenken können.

Aber so ist es. Das kleine "Lollo", dessen Liegewiese (1.500 Quadratmeter) dem Garten einer Vorstadtvilla ähnelt, hat sich zum Schauplatz eines Kulturkampfes und, als ob das noch nicht reichte, eines Geschlechterkampfes entwickelt. Dieses verträumte Bad im Breisgau bebildert einen Katalog an Kontroversen, die gegenwärtig durch die Republik schwirren: Integration versus Überfremdungsfurcht, Islam versus Abendland, Feminismus versus Männerwirtschaft. Aufgestiegen zum Politikum machte das "Lollo" im Sommer 2017 eine Medienkarriere, die alles überbot, was es aus dem Schwimmbaduniversum ansonsten zu vermelden gab.

Im hessischen Offenbach wurde ein striktes Fotografierverbot für das kommunale Freibad erteilt, dem sich andere Städte anschlossen. Im Berliner Strandbad Wannsee gingen die Nudisten wegen der Verkleinerung des FFK-Bereichs auf die Barrikaden. Aber das waren Kinkerlitzchen gegen den Wirbel ums Freiburger Damenbad.

Auslöser der öffentlichen Erregung war eine Petition, die zwei neuen, vom Freiburger Gemeinderat beschlossenen Baderegeln galt. Sie wurde von Janina Talaj, einer 27-jährigen Studentin, Mitte Juni im Alleingang lanciert. "Schaffen Sie das reguläre männliche Badepersonal im Freiburger Damenbad wieder ab!", lautete die Überschrift. Darunter fuhr Talaj schweres rhetorisches Geschütz gegen die Stadtväter und die Regio Bäder GmbH auf, die als städtisches Subunternehmen die Bäderverwaltung innehat. Von "zutiefst reaktionär" ist die Rede, "von sexistischen und rassistischen Denkweisen".