Aus der Bilderstrecke "Pipes" des Fotografen Robert Götzfried: St. Benno, München, Maxvorstadt © Robert Götzfried

Sie kann nicht anders, sie öffnet die Tür: Dann fällt ihr suchender Blick durch den Raum. So ist es immer. Sie sei da irgendwie ein bisschen geprägt, sagt Christiane Hennen. Lacht. Immer wenn sie eine Kirche betritt, macht sie eine kleine Inspektion. Es geht ihr nicht um ein romantisches touristisches Erlebnis, sie will nicht den Duft von Kerzen riechen, sucht nicht nach besonderen Fresken.

Sie fragt sich: Ist es feucht? Zu feucht? Dann steigt sie nach oben. Dorthin, wo die Orgel ist.

Es hat sich ein seltsames Problem breitgemacht in den Kirchen. Die Orgeln, eigentlich recht pflegeleichte Instrumente, machen Schwierigkeiten. Immer mehr Kirchengemeinden rufen plötzlich an bei den Bauverwaltungen den Landeskirchen, den Bistümern. Sie klagen: Die Orgel schimmelt.

Die Kunsthistorikerin Christiane Hennen arbeitet für ein deutschlandweit einmaliges Projekt. Die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland will herausfinden, warum die Instrumente plötzlich schimmeln. Es bilden sich unschöne Sporen auf den Pfeifen, ja sogar auf den Tastaturen.

Jede dritte Orgel in Deutschland ist Schätzungen zufolge betroffen – mit steigender Tendenz. Wer sich in Deutschlands Kirchen intensiver mit den Instrumenten beschäftigt, kennt das neue Problem. Hennen und ihr Team wollen es lösen. Warum die Orgeln schimmeln, ist im Detail noch offen. Es gibt da aber einen Verdacht. Und der hat viel mit dem deutschen Alltagsleben zu tun: Die Welt säkularisiert sich, und es könnte sein, dass darüber Deutschlands Orgeln verrotten. Dort, wo nur noch wenig Menschen in die Kirche gehen, fehlt es an Personal, das regelmäßig lüftet und die Orgeln wartet. Oft wird nur stoßweise geheizt. Feuchtigkeit bildet sich, Schimmel entsteht.

Christiane Hennen parkt ihren schwarzen Alfa Romeo in Jena: Sie war schon öfter hier in der Paulskirche: um die Orgel kennenzulernen, um Messgeräte anzubringen, sie abzulesen. Im Stadtteil Wöllnitz hat man zu DDR-Zeiten eine vierspurige Straße zwischen Kirche und Saale gequetscht. Vor der Tür hört man den Lärm, als stünde man auf dem Autobahnzubringer. Doch innen: viel Charme, fast ausschließlich Holz. Eine beeindruckende Dorfkirche aus dem 18. Jahrhundert eben.

Frau Fricke und Herr Karnapp, das Ehepaar, das sich um die Paulskirche kümmert, sind schon da. Die beiden haben sofort zugesagt, als es darum ging, die Orgel zu besuchen. Das ist nicht selbstverständlich. Anrufe bei Kirchengemeinden mit Orgelproblemen verlaufen meist so: "Wie geht’s Ihrer Orgel?" – "Es geht so, aber schreiben Sie darüber bloß nicht." Es gibt Gemeinden, die wollen nicht, dass die Sache mit dem Schimmel bekannt wird: Sie fürchten, dass die Kirchgänger fortbleiben aus Angst, die Pilze könnten gefährlich sein. Anderen Gemeinden ist es einfach nur peinlich. Es ist wie mit dem Kind, das Kopfläuse hat. "Kommt in den besten Familien vor", sagt Papa. "Aber wir erzählen es lieber keinem."

Herr Karnapp und Frau Fricke hingegen wollen endlich wissen, was ihrer Orgel hilft. Deshalb haben sie das Instrument für Hennens Forschungsprojekt angemeldet. 50 Orgeln haben die Forscher ein Jahr lang beobachtet und begutachtet: Rund um die Uhr haben sie die Feuchtigkeit gemessen, Pilzarten, Lacke und Holzsorten überprüft.

Das Ehepaar Fricke und Karnapp spricht, als es Hennen in die Kirche begleitet, von der Orgel wie von einem kranken Kind. "Sollen wir sie uns jetzt mal ansehen?" Es geht hinauf, die Treppe ist wie die Balustrade komplett aus Holz. Die Orgel – gebaut im Jahr 1789 von Orgelbauer Christian Friedrich Poppe und für 550 Taler geliefert – hat schon vieles überstanden: Kriege natürlich, den Sozialismus und unsachgemäße Handwerker. 1966 musste sie notrepariert werden, nachdem Maler nicht nur die Wände, sondern auch die Orgelpfeifen überpinselt hatten. Als sie 2009 einen neuen Motor für den Blasebalg bekommen sollte, sah der Orgelbauer noch ein anderes Problem: Da war Schimmel. Er sitzt außen auf den Holzpfeifen.