Sandra Schwedler trägt eine graue Wolljacke zur Jeans, Piercings im Ohr, sie hat eine Sporttasche über die Schulter geworfen. Die Aufsichtsratsvorsitzende des FC St. Pauli bezeichnet sich als "Kumpeltyp". Sie stellt ihre Handtasche ab und erklärt, dass sie später noch zu ihrem Handballtraining fahre. Dann blickt sie aus dem Fenster der Loge im Hamburger Stadion am Millerntor, hinunter auf den Rasenplatz. "Die Perspektive ist ungewohnt", sagt sie. Bei Heimspielen des Zweitligaclubs stehe sie eigentlich immer in der Fankurve.

Sie erzählt, wie es im September 1994 um sie geschah. An einem kühlen Freitagabend sei das gewesen, sie erinnert sich an Nieselregen und Flutlicht. Tausende Fans im Stadion besangen "das Herz von St. Pauli" – mit dem alten Lied von Hans Albers. Gemeinsam trugen die Anhänger ihre Mannschaft in dieser Zweitligapartie gegen den VfB Leipzig nach einem Rückstand noch zum 2:2-Remis. Und sie weckten die Fußballliebe der damals 14-Jährigen. "Ich will eine Dauerkarte", sagte Schwedler zu ihren Eltern, als sie nach Hause kam. Der Wunsch war keine jugendliche Laune, sondern Liebe zum Fußball, und Schwedler bekam einige Wochen später ihre Rückrunden-Dauerkarte. Bald darauf wurde sie Vereinsmitglied. Und heute, 23 Jahre später, ist Sandra Schwedler Chefin des Aufsichtsrates – ein Unikat im Profifußball der Männer.

Außenstehende sahen im FC St. Pauli schon immer eine Fußballutopie. Er steht für Demokratie, Miteinander, bedingungslose Liebe der Fans. Und dann kommt auch noch Sandra Schwedler, 37. Neben ihr gibt es derzeit nur eine weitere Frau, die in einem der 36 Erst- und Zweitligaclubs eine Führungsposition besetzt: Wiebke Gorny, Aufsichtsratsmitglied von RB Leipzig.

Gorny ist Rechtsanwältin. Anders als ihrer Kollegin Schwedler, die sich mit einem Lächeln an ihre ersten Auswärtsfahrten im Sonderzug erinnert und von der Faszination Fankurve schwärmt, ist Wiebke Gorny keine Fußballliebe anzumerken. Nicht nur 380 Kilometer trennen ihre Frankfurter Kanzlei von Leipzig: Unterhält man sich mit Gorny über Fußball, bemerkt man schnell auch eine emotionale Distanz zwischen ihr, dem Club und dem Sport.

Liegt es am Desinteresse der Frauen? Wollen sie keine Führungsposition in der Branche besetzen? Oder ist es der Fußball, der sich nicht von Frauen führen lassen will?

Mehr als 50 Jahre Gleichberechtigung liegen hinter diesem Land. Sie glichen einem Schneckenrennen. In der Politik besetzen Frauen zwar zunehmend verantwortliche Positionen. Und in der Wirtschaft ist der Anteil von Frauen in Führungspositionen in Ostdeutschland auf 44 Prozent, im Westen auf immerhin 27 Prozent gestiegen – dank gesetzlicher Frauenquote.

Von Beginn an waren der Deutsche Fußball-Bund und auch die Profivereine reine Männerdomänen. Erst 1970 hob der DFB das Frauenfußballverbot auf – da spielten die Herren bereits die achte Bundesligasaison der Geschichte. Erstmals darf in der anlaufenden Saison Schiedsrichterin Bibiana Steinhaus Erstligaspiele bei den Männern pfeifen, ihren ersten Auftritt hatte sie am vergangenen Wochenende. Obwohl Frauenfußball national und international ein Aushängeschild des DFB ist. Und obwohl heute mehr Mädchen und Frauen Fußball spielen als je zuvor. Deutschland stellt keine Ausnahme dar: Laut einer Studie des Antidiskriminierungsnetzwerks Football Against Racism in Europe besetzen Frauen gerade einmal 3,7 Prozent der Führungspositionen im europäischen Fußball.

Es ist, als beraube sich die gesamte Branche eines taktischen Mittels. Denn in anderen Bereichen der Gesellschaft macht man sich den Vorteil gemischtgeschlechtlicher Teams bereits zunutze. Frauen können in einer Gruppe die kollektive Intelligenz erhöhen. Bleibt der Fußball lieber dumm?