DIE ZEIT: Herr Förster, Sie arbeiten an der Universität Münster in der Prokrastinationsambulanz. Prokrastinieren benutzen manche als lateinisch aufgeblasenes Wort für schlichtes Aufschieben von unangenehmen Dingen. Ich nehme an, dass viele schmunzeln, wenn Sie ihnen erzählen, wo Sie arbeiten.

Stephan Förster: Da haben Sie recht, und das finde ich nicht schlecht. Am Schmunzeln erkenne ich, dass jemand eine Vorstellung von diesem Verhalten hat. Dann frage ich nach: Ist es bei dir Aufschieben, oder ist es Prokrastination?

ZEIT: Was unterscheidet denn das normale Aufschieben vom krankhaften Prokrastinieren?

Förster: Wenn jemand unter ständigem Aufschieben leidet und es den Alltag erheblich beeinträchtigt, ist das schon ein Hinweis darauf, dass es sich um pathologisches Aufschieben oder eben Prokrastination handelt. Das Schmunzeln verschwindet dann meistens, wenn ich über mögliche Folgen rede: über Beziehungen, die in die Brüche gehen; über finanzielle Sorgen, die entstehen können; über Störungen wie Verdauungsprobleme, die auftreten, oder über die Situation, wenn die Leute ihr Studium abbrechen und danach nicht weiterwissen.

ZEIT: Wie viele Menschen sind davon betroffen?

Förster: Wir haben unter Studierenden der Universität Münster eine Umfrage gemacht. Bei etwa zehn Prozent von ihnen sprechen wir von einer Prokrastination, die man behandeln sollte.

ZEIT: Warum ist das Prokrastinieren in der Universität so weit verbreitet?

Förster: Das Problem entsteht oft, wenn ich die Möglichkeit habe zu prokrastinieren, sprich, wenn mein Verhalten nicht unmittelbar negative Konsequenzen hat. Wenn ich zum Beispiel Abgabetermine nicht einhalte und diese Handlung kurzfristig folgenlos bleibt. Wir haben festgestellt, dass Studierende gerade in Studiengängen, in denen es weniger verschult zugeht – also den Geisteswissenschaften oder Sozialwissenschaften –, anfälliger sind und auch über einen längeren Zeitraum prokrastinieren.

ZEIT: Wie finden Sie heraus, ob es sich um echtes Prokrastinieren handelt?

Förster: Wir fragen nach seelischen Beeinträchtigungen: Gibt es Symptome wie Angst oder Unsicherheit oder körperliche Beschwerden wie Schlafstörungen, innere Unruhe oder Anspannung? Patienten berichten über einen zunehmenden Widerwillen gegenüber bestimmten Aufgaben. Sie haben ständig ein schlechtes Gewissen, weil sie wieder einmal die Zeit nicht so genutzt haben, wie sie es wollten. Das schwächt das Selbstwertgefühl.

ZEIT: Die Prokrastination ist international nicht als Krankheit anerkannt.

Förster: Richtig. Wir setzen uns genau dafür ein, weil wir täglich sehen, dass es viele Betroffene gibt, die sich in bestehende Kategorien von psychischen Erkrankungen nicht einordnen lassen. Als Arzt behilft man sich dann manchmal mit der Diagnose einer Anpassungsstörung oder einer Depression. Diese bekannten Störungen aber wirken sich auch auf andere Lebensbereiche aus. Prokrastinierende Menschen berichten hingegen, dass sie im Allgemeinen gut zurechtkommen. Es geht ausschließlich um Einzelbereiche ihres Lebens oder um Aufgaben, die bei ihnen eine extreme Lustlosigkeit auslösen.

ZEIT: Kann pathologisches Aufschieben umgekehrt auch Symptom einer psychischen Krankheit sein?

Förster: Ja, zum Beispiel als Symptom einer Depression. Manchmal tritt Prokrastination auch im Zusammenhang mit dem posttraumatischen Belastungssyndrom auf oder bei der Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung, ADHS, weil sich Betroffene nicht richtig auf eine Aufgabe konzentrieren können. Aber das bedeutet umgekehrt nicht, dass jemand, der an Prokrastination leidet, automatisch ADHS hat.

ZEIT: Diese Erkrankungen haben alle ihre eigenen Ursachen, was löst eine echte Prokrastination aus?

Förster: Das ist noch relativ unklar. Erste Ergebnisse zeigen, dass die Prokrastination erlernt ist.

ZEIT: Was heißt das?

Förster: Das Prokrastinationsverhalten entsteht dadurch, dass ich in einer bestimmten Situation darauf ausgerichtet bin, kurzfristig einen positiven Effekt zu bekommen und ebenso kurzfristig einen negativen Effekt zu vermeiden. Ich sollte zum Beispiel, wenn ich mich für eine Klausur vorbereite, mitbedenken, was mir Angst macht. Deshalb greife ich zum Handy, spiele ein Minispiel, und damit nimmt die Angst ab. Diese Erfahrung kann langfristig einen negativen Verstärkungseffekt haben.