Wenn am übernächsten Sonntag in Deutschland die Stimmen zur Bundestagswahl ausgezählt sind, dann geht es in Europa richtig los. In den kommenden Monaten müssen der nächste Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB) nominiert, der Chefposten der Euro-Finanzministergruppe neu besetzt und die Spitze der Europäischen Kommission ausgetauscht werden – und dann soll auch noch die Währungsunion reformiert werden.

Jede einzelne dieser Entscheidungen bringt allerhand komplizierte Debatten und Gegengeschäfte mit sich, zusammen genommen ergeben sie einen Entscheidungsmarathon, an dessen Ende ein anderes Europa stehen könnte.

Dessen Ursprung liegt in einem Ereignis, das vier Monate zurückliegt: Emmanuel Macron wird zum französischen Präsidenten gewählt. Vor der Wahl hatte er seinen Wählern versprochen, die Währungsunion "umzubauen". Sie soll einen eigenen Haushalt bekommen, einen eigenen Finanzminister und ein eigenes Parlament. Was sich Macron darunter konkret vorstellt, hat er in einem Zeitungsinterview deutlich gemacht. Das gemeinsame Budget soll demnach "mehrere Prozentpunkte" der Wirtschaftsleistung der Euro-Zone umfassen. Ein Prozentpunkt entspricht umgerechnet etwa 100 Milliarden Euro, es käme also ein mittlerer dreistelliger Milliardenbetrag zusammen. Zum Vergleich: Der gesamte deutsche Bundeshaushalt hat in diesem Jahr ein Volumen von 329 Milliarden Euro.

In der Bundesregierung stoßen solche Gedankenspiele auf Unverständnis. Vor allem die Unionsparteien wollen das Thema Euro so weit wie möglich aus dem Wahlkampf heraushalten. Zwar hält Merkel Macron zugute, dass er sein Land reformieren will. In der CDU fürchtet man aber, dass es bei den Wählern nicht gut ankommt, in Sachen Finanzen gemeinsame Sache mit den Franzosen zu machen. Die Sorge ist offenbar berechtigt: Als Finanzminister Wolfgang Schäuble neulich andeutete, dass Europa künftig einspringen könne, wenn "ein Land finanzielle Herausforderungen nicht allein bewältigen kann", warf ihm AfD-Chef Jörg Meuthen vor, "deutsches Steuergeld verschenken" zu wollen.

Im Regierungsprogramm der CDU ist deshalb nur sehr allgemein davon die Rede, dass man bereit sei, mit der französischen Regierung zusammenzuarbeiten, um eine "dauerhafte Stabilisierung der Euro-Zone zu erreichen". Das verpflichtet zu nichts. Allerdings ist man sich im Kanzleramt darüber im Klaren, dass sich Macron mit derlei vagen Ankündigungen nach der Wahl nicht mehr zufriedengeben wird. Deshalb wurde eine deutsch-französische Arbeitsgruppe eingesetzt, die mögliche Kompromissmöglichkeiten ausloten soll.

Im Zentrum der Diskussion steht aus deutscher Sicht der ESM – ein in Luxemburg ansässiger Hilfsfonds, den die Mitgliedsstaaten auf dem Höhepunkt der Euro-Krise mit dem Geld ihrer Steuerzahler eingerichtet haben. Er darf Kredite an hilfsbedürftige Staaten vergeben, bislang ist das jedoch nur in Ausnahmesituationen möglich. Dafür muss schon die "Finanzstabilität in der Euro-Zone" in Gefahr sein. Nun wird darüber nachgedacht, den ESM zu einem Europäischen Währungsfonds umzubauen – und die Hürden für die Vergabe von Hilfskrediten zu senken.

Schäuble selbst hat bereits angedeutet, dass der Fonds künftig auch bei Naturkatastrophen tätig werden könne. Und in anderen Ressorts wird längst an noch weitergehenden Reformen gearbeitet. So gilt es als nicht mehr ausgeschlossen, dass Kredite auch abgerufen werden können, wenn in einem Euro-Land nur die Konjunktur einbricht. Das wiederum käme einer Kurskorrektur gleich, denn bislang sollte der Europäische Währungsfonds in erster Linie ein Instrument sein, um die Haushalte der Mitgliedsstaaten strenger zu überwachen. Von neuen Krediten hingegen war nicht die Rede.

Ein mögliches Szenario hat kürzlich Klaus Regling skizziert. Regling ist der geschäftsführende Direktor des ESM, vor allem aber hat seine Stimme in konservativen deutschen Kreisen Gewicht. Der Mann hat einst für den damaligen Bundesfinanzminister Theo Waigel den europäischen Stabilitätspakt ausgehandelt, eine Art Schuldenbremse für die Euro-Länder. Regling spricht sich für einen "Schlechtwetterfonds" aus, in den die Mitgliedsstaaten in guten Zeiten einzahlen und aus dem sie sich im Krisenfall bedienen können. Vorbild sind die USA: Dort haben fast alle Bundesstaaten einen solchen Fonds eingerichtet. Der Vorteil: Weil jedes Land das Geld für Notfälle selbst aufbringen müsste, würde zumindest keine offensichtliche Vergemeinschaftung von Schulden stattfinden, die Merkel ausgeschlossen hat.