"Hab ich!", ruft Ijad Madisch, sprintet dem Ball hinterher und verpasst ihn nur knapp. Er klopft seinem Mitspieler auf die Schulter, lobt ihn ("Geiler Pass"), springt wieder auf Position, fokussiert den Ball und haut ihn diesmal in den Sand des gegnerischen Feldes. Es ist neun Uhr morgens, und Madisch hat schon sieben Sätze Beachvolleyball hinter sich. Er ist unzufrieden, weil er die letzten beiden Sätze verloren hat. "Ijad guckt immer auf die Zahlen", sagt sein Trainer.

Madisch ist Arzt, promovierter Virologe und Gründer von Researchgate, einer Art Facebook für Wissenschaftler. Manche denken, er lebe den Traum vom Silicon Valley mitten in Berlin. Madisch sagt: "Vielleicht bin ich ein guter Verkäufer. Das ist mein arabisches Blut." Er lacht. Und natürlich ist das Koketterie. Kenner halten Madischs Unternehmen für die Hoffnung der Berliner Start-up-Szene, die lang ersehnte Innovation mit globaler Strahlkraft, eine Art Google aus Deutschland. Kanzlerin Angela Merkel war schon zu Besuch bei Madisch im Büro, Bill Gates gehört zu seinen Investoren und auch Matt Cohler, der bei Facebook mal der Mann hinter Mark Zuckerberg war. 87 Millionen Euro hat Madisch in den vergangenen Jahren eingesammelt.

Irgendwann war Madisch so übermüdet, dass die Oberärztin ihn nach Hause schickte

Madischs Geschäftsidee ist schnell erklärt: Er will Wissenschaftler weltweit miteinander vernetzen und ihre Forschungsergebnisse teilen, auch ihre Fehler. Die Idee kam ihm vor zehn Jahren, da war er noch Medizinstudent und war gerade für einen Forschungsaufenthalt von der Uni Hannover nach Harvard gegangen. Dort geriet er bei einem Experiment ins Stocken. Und fand keinen Rat. Genau das soll Wissenschaftlern dank Researchgate nicht mehr passieren.

"Wir publizieren momentan nur fünf Prozent der gesamten Forschung", sagt er. Lediglich ein kleiner erfolgreicher Teil wird in wissenschaftlichen Fachjournalen gezeigt. Aber warum sollten die restlichen 95 Prozent überhaupt interessant sein? "Wir versuchen, alles in Echtzeit abzubilden, Rohdaten, Feldexperimente, missglückte Experimente, Analysen, Sekundärdaten, fertige Daten, Gedankenexperimente, denn auch das ist schon Forschung." Madisch will, dass Forscher von den Fehlern anderer Forscher lernen und sie nicht wiederholen. Die hochgeladenen Publikationen haben einen Zeitstempel, damit niemand anderes behaupten kann, er habe die Idee früher gehabt. Das wissenschaftliche Publizieren ist ein riesiges Geschäftsfeld. Madisch will es verändern.

Der Frühsport ist vorbei. Madisch, frisch geduscht, in Holzfällerhemd und Sneakers, steigt in seinen anthrazitfarbenen Tesla. Die Musik beginnt zu spielen. In der Playlist läuft Rap, The Notorious B.I.G. Madisch zieht an seinem Superman-Basecap, sodass es nicht ganz gerade auf dem Kopf sitzt. Noch ein Blick auf sein Smartphone, und er fährt los in Richtung Zentrum. Vor ihm liegen zehn Stunden Arbeit. Abends spielt er noch mal Volleyball.

Madisch arbeitet viel, manchmal klingelt der Wecker nachts um drei, er checkt dann schnell ein paar E-Mails und schläft weiter. Wann er zuletzt im Kino war, fällt ihm gerade nicht ein. Er lebt für sein Unternehmen. Nur der Sport hole ihn raus. Auf dem Spielfeld müsse er nicht führen, da gälten andere Regeln, das erde ihn. Aber selbst Sport betreibt er inzwischen auf Hochleistungsniveau. Sein Volleyballpartner und sein Trainer waren mal Nationalspieler.

Der Tesla rollt in eine Tiefgarage in der Invalidenstraße, nahe dem Nordbahnhof. Hier sitzt Researchgate, auf vier Fabriketagen. Im Hinterhof entsteht gerade ein zusätzliches Bürogebäude mit acht Stockwerken. Madisch läuft über die Flure, grüßt mit "Hi. How are you?", alle hier sprechen Englisch. Er zeigt auf ein paar Kollegen. "Da sitzt das People-Team", sagt er, "ich mag das Wort Human Resources nicht. Das ist unsere wichtigste Unit, die Menschen, die entscheiden über den Erfolg." Madisch achtet darauf, dass er auch Wissenschaftler einstellt, die Personalabteilung leitet eine ehemalige Kinderärztin. Er läuft ein paar Schritte weiter, winkt, die Kollegen winken zurück: "Die arbeiten an Growth", sagt er, am Wachstum der Plattform, und auch die seien "das wichtigste Team".