Mehr als 300.000 Rohingya, Angehörige einer muslimischen Minderheit, haben seit Ende August aus dem südostasiatischen Myanmar im Nachbarland Bangladesch Zuflucht gesucht. Sie flohen in Angst vor den Sicherheitskräften, die auf eine Anschlagsserie von Rohingya-Militanten offenbar mit brutalen Repressalien reagieren. Die Flüchtlinge berichten von der Tötung von Zivilisten, von Vergewaltigungen, Folter und der systematischen Zerstörung von Dörfern in Myanmar.

Die Vertreibung der Rohingya ist schrecklich und rätselhaft zugleich. Ihr Schicksal hat nicht nur die globale Öffentlichkeit erschüttert, sondern eine massive politische Reaktion in der islamischen Welt ausgelöst: Der türkische Präsident Erdoğan spricht von "Völkermord", Malaysia und Pakistan haben diplomatischen Protest eingelegt, von Nigeria bis Indonesien drücken Muslime im Internet ihren Zorn aus oder sammeln für Hilfslieferungen an die Flüchtlinge.

Gleichzeitig scheint das Geschehen quälend unverständlich. Wie kann es sein, dass Polizei und Militär in Myanmar die Rohingya und ihre Gebiete nicht einfach unter Kontrolle halten wollen, vielleicht sogar mit brutalen Mitteln, sondern anscheinend eine Politik der verbrannten Erde, der Vertreibung, der "ethnischen Säuberung" verfolgen? Dass die Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi, die jahrzehntelang in Myanmar gegen ein finsteres Militärregime und für die Demokratie gekämpft hat, nun als führende Politikerin ihres Landes die Misshandlung der Rohingya offenbar mitträgt und zu schweren Menschenrechtsverletzungen schweigt? Dass die Rohingya, wie es so selbstverständlich und zugleich schwer begreiflich heißt, "staatenlos" sind?

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Die Antworten sind in der Geschichte zu suchen – der Geschichte der Kolonialzeit in Asien, im 19. und frühen 20. Jahrhundert. Die Rohingya sind die letzten Waisenkinder des Imperialismus. Sie sind historisch gestrandet, übrig geblieben aus einer Zeit vor der Epoche der Nationalstaaten, als Grenzen vielfach unklar oder durchlässig waren und Menschen und Völker in Großreichen durcheinandergemixt wurden – in einem frühen Zeitalter der Migration, der Globalisierung und des Multikulturalismus. Später, in einer Welt des aggressiven Nationalismus und der Konflikte zwischen Religionsgemeinschaften, ist die Minderheit eine Art Fremdkörper geworden.

Heute behauptet die Regierung von Myanmar, die Rohingya seien illegale Einwanderer aus Bangladesch. Die Rohingya selbst erklären, sie lebten seit Generationen, wenn nicht seit Urzeiten auf dem Territorium von Myanmar. Tatsächlich dürften viele ihrer Vorfahren im 19. Jahrhundert dorthin gekommen sein. Damals gab es die Staaten noch nicht, die auf den gegenwärtigen Landkarten Südasiens und Südostasiens verzeichnet sind. Was wir Bangladesch nennen, war einst Teil des britischen Kolonialreichs in Indien, das von Kolkata aus regiert wurde. Was heute Myanmar heißt, nannte sich damals Königreich Burma.

Von 1824 bis 1826 führten die Engländer einen siegreichen Krieg gegen die Burmesen, nach dem unter anderem ein Gebiet im Westen Burmas, nahe der Küste des Golfs von Bengalen, an Britisch-Indien angegliedert wurde – es handelte sich dabei um ebenjene Region, die heute Rakhine genannt wird und in der die Rohingya von Myanmar leben.

In den folgenden Jahrzehnten unterwarfen die Briten ganz Burma und schlugen es ihrem indischen Kolonialgebiet zu. Für das Rohingya-Problem entscheidend sind die wirtschaftlichen, sozialen und demografischen Umwälzungen, die damit verbunden waren. Mit den neuen Kolonialherren kamen "Gastarbeiter" aller Art aus Indien nach Burma: Bankiers und Händler, die eine führende Rolle in der burmesischen Wirtschaft übernahmen; Beamte und Büroangestellte, die zahlreiche Posten in der Staatsverwaltung besetzten; Landarbeiter, die man für die Bewirtschaftung der von den Briten massiv für den Export ausgebauten Reisfelder brauchte.

In Küstennähe im Westen, in der heutigen Provinz Rakhine, wurden weite Flächen von Ackerland an muslimische Grundherren aus Bengalen verpachtet, die sie von ebenfalls muslimischen Bauern bebauen ließen. Ein großer Teil der Rohingya dürfte von solchen Arbeitsmigranten aus der Zeit des Empire abstammen. Sie heute "Einwanderer" zu nennen ist deshalb doppelt irreführend. Zum einen, weil ihre "Einwanderung" lange zurückliegt. Zum anderen gingen sie nicht von einem Staat in einen anderen, sondern zogen von einer Provinz eines Imperiums in die nächste.