Russland und Weißrussland werden attackiert. Die Fantasiefeinde Wejschnoria, Wesbaria und Lubenia greifen an, zu Luft, zu Land, zu Wasser. Sie unterstützen Separatisten, wollen einen Keil zwischen Russland und Weißrussland treiben und die Regierung in Minsk stürzen. Aber Russland und Weißrussland wehren sich – mit 12.700 Soldaten, davon 10.200 auf weißrussischem Territorium, mit 250 Panzern, 200 gepanzerten Fahrzeugen, 150 Artilleriegeschützen und Mehrfachraketensystemen, mit zehn Schiffen der Baltischen Flotte, 70 Flugzeugen und Hubschraubern.

So sieht die strategische Militärübung Sapad ("Westen") aus, mit der Russland und Weißrussland an diesem Donnerstag beginnen wollen. Die Übung sei rein defensiv, bis Ende September würden alle russischen Streitkräfte abgezogen sein, behaupten die Russen, versichern die Weißrussen. Nur glauben ihnen das nicht alle.

Die Nato-Staaten und die Ukrainer befürchten, dass Russland in Wahrheit viel mehr Soldaten schickt. Sie schließen selbst das verheerende Szenario nicht aus, dass Russland die Übung als Vorwand nutzen könnte, um die Ukraine anzugreifen. Und wenn nicht das, dann könnte Moskau seine Truppen in Weißrussland lassen, das Land besetzen. Der Kommandeur der amerikanischen Landkräfte in Europa spricht von einem "trojanischen Pferd". Ist das noch berechtigte Sorge oder schon Hysterie?

Die Übung Sapad findet nicht zum ersten Mal statt. Im Jahr 1999 reagierte Russland damit auf die Bombardierung Serbiens und stellte sich auf feindliche Aktionen des Westens ein. Es folgten weitere Übungen 2009 und 2013; simuliert wurden ein Nuklearangriff auf Polen und die Bombardierung Stockholms. Dieses Mal sind zwar nur Fantasiestaaten der Feind, aber die Bedrohungsgefühle in den Nachbarstaaten Russlands sind größer als je zuvor.

Anlässlich der russischen Kriegsspiele lässt sich studieren, wie groß das Misstrauen zwischen Russland und den Nato-Ländern ist. Seit Jahren gehen Szenarios wie das der Rand Corporation um, eines amerikanischen Thinktanks: Russland nimmt das Baltikum in weniger als zwei Tagen ein und isoliert es über den Suwalki-Korridor,  eine 70 Kilometer lange Landbrücke zwischen Weißrussland und der russischen Enklave Kalinigrad. Und es werden Erinnerungen daran wach, dass die Russen militärische Übungen abhielten, kurz bevor sie 2008 in Georgien einmarschierten und 2014 die Krim annektierten.

Ab 13.000 Soldaten ist es Pflicht, Beobachter zu einer Militärübung einzuladen

An der jetzigen Sapad-Übung nehmen offiziell 12.700 Soldaten teil – doch zugleich finden weitere Militärübungen im Westen Russlands statt. Eigentlich gehören diese ebenfalls zu Sapad, meint der russische Militärexperte Alexander Golz. Westliche Diplomaten geben ihm recht. Die russische Seite dagegen erklärt, es handele sich um Einzelübungen, zu denen sie keine Beobachter einladen müsse. "Wir werden an der Nase herumgeführt", klagt ein westlicher Diplomat. Denn insgesamt könnten tatsächlich Zigtausende Soldaten beteiligt sein.