Ab 13.000 Soldaten ist es Pflicht, Beobachter zuzulassen. Das sieht das "Wiener Dokument" der OSZE-Staaten vor. Es verpflichtet die Unterzeichner zu vertrauensbildenden Maßnahmen in Militärangelegenheiten, gerade auch in Krisenzeiten. Weißrussland hat freiwillig internationale Beobachter zum jetzigen Manöver eingeladen, die Russen zogen schließlich nach. Bei derartigen Einladungen jedoch entscheiden die Gastgeber, was sie den Gästen zeigen und was nicht.

"Wir müssten die Karten sehen und auf das Übungsgelände dürfen, um beurteilen zu können, was die Russen machen. Wir werden sehen, ob sie uns nur ein prächtiges Spektakel zeigen und wir hinterher nicht schlauer sind", sagt jemand, der als Beobachter dabei sein wird und darum seinen Namen nicht genannt wissen will. Auf den Pressekonferenzen der russischen und weißrussischen Verteidigungsministerien erklärten die Generale die "sogenannte russische Bedrohung" für einen Mythos, lasen vom Skript, 15 Minuten der russische General in Moskau, 29 Minuten der weißrussische in Minsk. Dann rauschten sie an den Diplomaten und Journalisten vorbei zum Ausgang. Fragen wurden nicht zugelassen.

Eine unüberlegte Machtdemonstration könnte genügen, und die Lage eskaliert

Abschrecken, tricksen, sich nicht in die Karten schauen lassen sind jedoch keine russische Spezialität. Die Schweden, bislang kein Nato-Mitglied, starten zur gleichen Zeit mit mehreren Staaten ihre größte Militärübung seit 20 Jahren. Sie haben zwar russische Beobachter eingeladen, aber die Polen, die derzeit mit den Amerikanern exerzieren, luden die Russen nicht ein, ebenso wenig taten es die Litauer, als sie im Juni mit Deutschen und anderen übten – schließlich hatten die Russen sie zuvor auch nicht eingeladen.

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Die Spirale des Misstrauens dreht sich weiter. Seit der Krim-Annexion hat die Nato schnelle Eingreiftruppen nach Polen und in die baltischen Staaten entsandt, die regelmäßig rotieren, um nicht gegen die Russland-Nato-Akte zu verstoßen, die dauerhafte Stationierungen untersagt. Doch was für die Balten eine Solidaritätsgeste ist, kommt für die Russen und Weißrussen einer Provokation gleich: Zwischen 2009 und 2014 habe es im Schnitt 41 Nato-Manöver jährlich gegeben, mit immer mehr Soldaten und immer mehr Kriegsgerät, meint der weißrussische Vize-Verteidigungsminister. Er könne die Aufregung um Sapad 2017 nicht verstehen. Das Nato-Manöver Anakonda 2016, bei dem ein Überfall auf Polen durchgespielt wurde, sei viel größer gewesen.

In dieser überschaubaren Grenzregion ballen sich viele Länder mit gegensätzlichen Sicherheitsinteressen, in der Ostukraine schwelt ein Krieg mit russischer Beteiligung, und an der Grenze stehen sich Truppen gegenüber. Da könnte eine unüberlegte Machtdemonstration genügen, und die Lage eskaliert. Zum Beispiel könnte ein russisches Flugzeug in den ukrainischen Luftraum eindringen und von den Ukrainern abgeschossen werden – ähnlich wie 2015, als ein russisches Militärflugzeug aus Syrien in den türkischen Luftraum eindrang, die Türken es abschossen und Russland und die Türkei vorübergehend Feinde wurden.

Was dann? Eskaliert der Krieg in der Ukraine vollends? Stationiert Russland dauerhaft Soldaten in Weißrussland? Das wäre wohl ein Grund für die USA, Waffen an die Ukraine zu liefern, wie es der amerikanische Verteidigungsminister James Mattis in Aussicht stellte.

So zeigt die Aufregung um Sapad vor allem eins: In der internationalen Politik gilt eine neue Zeitrechnung. Ob man mit Diplomaten der Nato-Länder spricht oder mit unabhängigen russischen und weißrussischen Militärexperten – niemand erwartet zwar mit dieser Sapad-Übung eine militärische Eskalation oder eine Besetzung Weißrusslands, aber hundertprozentig ausschließen will es auch niemand. Denn irgendwann fällt in jedem dieser Gespräche der eine entscheidende Satz: Seit der Annexion der Krim müsse man mit allem rechnen.