Manchmal kommt es dem CDU-Politiker Klaus Brähmig wohl so vor, als müsse er ein Phantom verjagen. Auch an diesem Samstag, in dem kleinen Saal eines Bäckerei-Cafés im Erzgebirge, in den er zum Frühschoppen eingeladen hat. Brähmigs ganz persönliches Phantom ist Bundessprecherin der AfD und heißt Frauke Petry. Eine Frau, die immer da ist, obwohl er sie gar nicht so oft sieht. Seine Konkurrentin, die er kaum bekämpfen kann, weil sie sich ihm nur selten zeigt.

Seit 27 Jahren ist Klaus Brähmig, 60, ein stattlicher Mann mit raspelkurzem Haar, Abgeordneter des Deutschen Bundestags. Und zwar stets direkt gewählt; nach Berlin entsandt von den Bürgern seines Wahlkreises in der Sächsischen Schweiz und dem Osterzgebirge. Einer, dem im Parlament niemand mehr erzählen muss, wie der Laden läuft. Ein Handwerksmeister, den die Wiedervereinigung politisiert hat, der aber immer einer geblieben ist, der Politik ganz praktisch begreift. Weil er von sich sagt, dass er noch jedes Problem angepackt habe, das die Bürger an ihn herangetragen haben – ob es um die Sanierung einer Straße geht oder ein fehlendes Instrument für die Musikschule. "Politik, das sind für mich nicht zuerst die ganz großen Fragen", sagt Klaus Brähmig. "Viele Leute wollen von mir beispielsweise in Sprechstunden wissen, wie das Essen in der Schulmensa besser wird, wie ihre Kinder eine Lehrstelle bekommen können."

Im Bundestag ist Brähmig Hinterbänkler, Sprecher für Tourismus. Im Wahlkreis hingegen ist Brähmig ein Mann für alle Fälle, unschlagbar seit beinahe drei Jahrzehnten. 2013 holte er sein Direktmandat mit über 50 Prozent der Stimmen. Jetzt jedoch macht ihm eben das Phantom sein Mandat streitig. Frauke Petry hat sich ausgerechnet Brähmigs Revier als Bundestagswahlkreis ausgesucht, Wahlkreis 158, am östlichsten Rand Sachsens. Obwohl Petry knapp 150 Kilometer entfernt lebt, in Leipzig. Obwohl sie mit dem Erzgebirge wenig verbindet. In der Sächsischen Schweiz will Petry ein Exempel statuieren: einem Direktkandidaten der CDU das Mandat abjagen – und das im schwarzen Sachsen. Deshalb steht Brähmig plötzlich im Mittelpunkt eines Kulturkampfs. In der Sächsischen Schweiz wird sich zeigen, ob man eine AfD-Politikerin, die bundesweit bekannt ist, in Zaum halten kann mit den Waffen des fleißigen Provinzpolitikers.

Der Termin in der Bäckerei, der Frühschoppen in Glashütte-Bärenhecke, zeigt schon, wie schwierig das werden könnte. Eine Viertelstunde spricht Brähmig vor 30 Gästen über die Erfolge der schwarz-roten Koalition – also auch über seine eigenen. Er lobt die wirtschaftliche Stärke Deutschlands, den Aufschwung der Region. Aber die Bürger haben andere Fragen.

Manche fürchten: "Es wird dazu kommen, dass die von der AfD das Sagen haben"

Erst schimpft ein Gast, die Russland-Sanktionen müssten aufhören. Ein Zweiter behauptet, dass Türken den deutschen Staat "mit ihren Genen" zersetzen würden. Dann erregt sich ein Dritter darüber, dass ein Großteil der abgelehnten Asylbewerber nicht abgeschoben würde: "Es wird dazu kommen, dass die von der AfD das Sagen haben." Nur wenige setzen zur Widerrede an. Die AfD-Wirklichkeit sickert in den Frühschoppen, vielleicht war sie die ganze Zeit da. Brähmig versucht, dagegen anzukämpfen. Stoisch fast, er wird nicht lauter, spricht nicht schneller, manchmal versucht er es mit Humor. Es sei wichtig, sagt er, dass niemand Scheu habe, seine Meinung zu äußern. Auch er wolle nicht, dass Migranten Parallelgesellschaften schaffen. Er will seinen Gästen aber auch nicht alles unwidersprochen durchgehen lassen: "Purer Nationalismus, liebe Freunde, das möchte ich nicht. Das hatten wir schon mal. Aus meiner Sicht ist das abenteuerlich. Das ist nicht die Alternative, sondern das Gegenteil davon."

Wenn man Brähmig zum Gespräch trifft, an einem anderen Tag, wird klar, dass er sich im Wahlkampf nicht treiben lassen möchte. "Ich bin seit knapp 30 Jahren Direktkandidat. Also lasse ich mir doch nicht von einer Gruppierung wie der AfD und ihrer Kandidatin sagen, welche Themen wichtig sind!" Genau das passiert aber, die Themen der AfD schleichen sich in den Wahlkampf. Was will er da tun? "Ich kann nur sagen: Ich bin der kommunale Dienstleister für den Bürger. Ich kenne fast jeden Betrieb, die Vereine, die Verbände. Das werde ich ausspielen", sagt Brähmig. Und: "Ich liebe meine Heimat, ich kämpfe für sie." In diesem Wahlkampf steht die sehr konkrete Heimatliebe des Abgeordneten Brähmig gegen einen diffusen Heimatbegriff der AfD. Gegen deren Angst, dass diese Heimat verloren gehe.

Brähmig will mit den Mitteln kämpfen, die ihn über all die Jahre durch die Politik getragen haben: eifrige Detailarbeit. Ein Ohr für jeden Bürger. Reden, reden, reden. Das ist sein Plan. Zeigen, dass man mit den alten Mitteln in turbulenten Zeiten noch gewinnen kann. "Ich habe 60 Prozent der Erststimmen geholt, als wir im Wahlkreis 25 Prozent Arbeitslosigkeit hatten", sagt Brähmig. So schlimm, soll das heißen, sei die aktuelle Situation ja nun wirklich nicht. Schon deshalb sollte Frauke Petry sich wohl nicht zu früh freuen.