Als Dramatikerin hat Sasha Marianna Salzmann, Jahrgang 1985 und Hausautorin des Berliner Maxim Gorki Theaters, bereits einen Ruf. Jetzt legt sie mit Außer sich ihren Debütroman vor. Während die deutsche Gegenwartsliteratur zuletzt mit viel Fleiß an ihrer handwerklichen Qualitätsoptimierung gearbeitet hat, weshalb die Plots immer flüssiger liefen, hat sich auf der Theaterbühne das alte Avantgarde-Ideal gehalten: Hier zählt immer noch die große Geste.

Vom Theater zum Roman wechselnd, hat Sasha Marianna Salzmann etwas von dieser übermütigen Experimentier- und Zeigefreudigkeit hinübergerettet – nicht zum Schlechtesten der Literatur. Zwar liegen die Schwächen des Romans offen zutage, dafür ist man aber mit einer erfrischend neuen und sehr begabten Erzählstimme konfrontiert, der man auch dann noch gerne lauscht, wenn sie manchmal wegen Überspanntheit heiser klingt. Außer sich ist ein Roman, der von Migration, von einer wälsungenhaften Bruder-Schwester-Liebe und vom Fluidwerden der Geschlechter handelt. Salzmann ist eine mitreißende Erzählerin, wenn sie von den Zwillingen Alissa und Anton berichtet, die mit ihren Eltern als Kontingentflüchtlinge, das heißt weil sie Juden waren, in den frühen neunziger Jahren von Russland nach Deutschland ausreisten. Drei Generationen sowjetische Familiengeschichte werden in schillernden Erzählminiaturen aufgespießt, die Heimat- und Haltlosigkeit in Deutschland wird mit Kälte und mit Wut beschrieben. Wurden die Zwillinge in Russland als Juden beschimpft, müssen sie sich nun als Russen beleidigen lassen – doch die besorgte Mutter warnt Anton davor, den Beleidigungen mit dem Hinweis zu begegnen, er sei kein Russe, sondern Jude.

Je wurzelloser sich die Zwillinge fühlen, umso mehr verkapseln sie sich ineinander – bis hin zum Inzest. Doch dann ist Anton verschwunden – nach Istanbul. Alissa, nun Anfang zwanzig, reist ihm nach. Die Stadt am Bosporus, halb Asien, halb Europa, scheint für Alissa, die sich auf keine Identität festlegen will, die richtige Transitzone zu sein. Sie sucht Anton, der in dem Maße zu einer Phantasmagorie wird, in dem sie selbst sich ihm angleicht: Sie spritzt sich Testosteron, um ihm ähnlich zu werden. Überhaupt bevölkern auffallend viele Trans-Personen die Istanbul-Kapitel des Romans. In der Geschlechtsumwandlung liegt das Versprechen auf radikale Selbstbestimmung. Erzählerisch knirscht das manchmal, auch gefällt sich der Roman in den Istanbul-Passagen, die überhaupt etwas ins Ziellose schlingern, zu sehr in seinen Abgefucktheits-Posen. Trotzdem ist dieser literarische Conchita-Wurst-Effekt ein spannendes Experiment, wenn sich das Personalpronomen schneller von "sie" zu "er" wandelt, als die Anatomie der mit Testosteron behandelten Figur hinterherkommt. "Immer wenn ich merke, dass es für Menschen eine Vorstellung von Welt gibt, auf die sie ohne Zweifel bauen, fühle ich mich allein." Außer sich ist ein kämpferischer Roman, der sich gegen jedes Festgelegtwerden aufbäumt.

Sasha Marianna Salzmann: Außer sich. Roman; Suhrkamp Verlag, Berlin 2017; 366 S., 22,– €, als E-Book 18,99 €