In zehn Tagen gehen die Deutschen zur Wahl, ich habe es schon hinter mir. Ich bin Amerikaner, wir haben im vergangenen Jahr gewählt. Falls jemand wissen will, für wen ich gestimmt habe, antworte ich statt mit einem Namen mit einer Zahl: 28. Das ist mein Alter.

Es ist nämlich so, dass die große Mehrheit der unter 30-Jährigen in den USA weder Hillary Clinton noch Donald Trump unterstützt hat, sondern den linken Kandidaten Bernie Sanders. Er bekam in den Vorwahlen mehr Stimmen von uns jungen Amerikanern als Trump und Clinton zusammen.

Darin ähneln wir den Briten.

Die jungen Briten sind sich politisch ziemlich einig. Zu fast zwei Dritteln stellten sie sich bei den Parlamentswahlen vor drei Monaten hinter den linken Oppositionsführer Jeremy Corbyn.

Das vereint sie mit den Franzosen.

Die Franzosen unter dreißig hatten bei den Präsidentschaftswahlen im Frühjahr einen klaren Favoriten: Es war der Linke Jean-Luc Mélenchon.

Auch in Italien, Spanien, den Niederlanden liegen Kandidaten linker Parteien bei jungen Leuten vorne.

Dieser Gleichklang passt gut in eine Zeit, in der die Jugend international zusammengewachsen ist. Sieht man sich heute Fotos von jungen Menschen an, lässt sich kaum noch sagen, in welcher Stadt, in welchem Land der westlichen Welt die Bilder aufgenommen wurden, ob in Barcelona, New York oder Paris. Wir tragen alle die gleichen Jeans, die gleichen Frisuren. Wir hören auch die gleiche Musik, sind alle bei WhatsApp und über Facebook miteinander befreundet.

Und wir haben alle die gleiche Wut.

Es ist die Wut auf eine Welt, in der die einen im Geld fast ersticken, während die anderen oft nur schlechte, unsichere Jobs finden und nicht wissen, wie sie nächsten Monat ihr WG-Zimmer bezahlen sollen.

Diese anderen sind wir. Und deshalb wählen wir linke Parteien.

Es gibt allerdings ein Land, für das dies nicht gilt. Auch in diesem Land tragen die jungen Leute enge Jeans und teilen Fotos auf Instagram. Äußerlich unterscheiden sie sich nicht von jungen Amerikanern, Briten, Franzosen und Spaniern. Aber sie denken anders. In dem Land, von dem ich rede, sind die jungen Leute nicht wütend. Sie gehen nicht auf die Straße, sie demonstrieren nicht für mehr soziale Gerechtigkeit. Sie wählen Merkel.

In Umfragen zur Bundestagswahl ist die Union bei den unter 30-Jährigen die stärkste Partei.