Ganze 28 Jahre ist es her, dass der Mut ostdeutscher Bürgerinnen und Bürger ein neues Kapitel der Weltgeschichte aufgeschlagen hat. Mit der Zuflucht in die Botschaften in Budapest und Prag von einigen Hundert und dem Grenzübertritt von über 600 DDR-Bürgern an der ungarisch-österreichischen Grenze im August 1989 bekam der Eiserne Vorhang zwischen Nato und Warschauer Pakt erste Risse. Keine drei Wochen danach fand die erste Leipziger Montagsdemo statt, nur zwei Monate später war aus dem Riss im Eisernen Vorhang die Öffnung des Grenzübergangs Bornholmer Straße geworden. Die Mauer damit Geschichte. In atemberaubendem Tempo hatten sich die Bürgerinnen und Bürger Ostdeutschlands mit einer friedlichen Revolution die Demokratie erkämpft – bis zur Einheit dauerte es kein Jahr mehr.

Eine einzigartige Leistung, die allerhöchsten Respekt verdient! Nicht nur deshalb weisen wir mit Empörung das Ansinnen einer kleinen Gruppe zurück, die sich das Ziel gesetzt hat, die Demokratie in Deutschland und Europa lächerlich zu machen oder gar abzuwickeln, und sich anmaßt, unsere gesamte Gesellschaft zu vertreten. Der Ruf "Wir sind das Volk" steht nicht für Hetze, Nationalismus und Nabelschau. Im Gegenteil, er steht für Freiheit, Solidarität, Rechtsstaatlichkeit, den Sieg der Menschlichkeit, den Glauben an sich selbst und eine bessere Zukunft. Genau dafür steht die überwältigende Mehrheit der Deutschen in Ost- und Westdeutschland. Dafür stehen wir: Manuela Schwesig, geboren 1974 in Frankfurt an der Oder, und Martin Schulz, geboren 1955 in Eschweiler.

Die deutsche Einheit ist ein Geschenk der Ostdeutschen an unser Land. 1989/90 war für nahezu alle ostdeutschen Bürgerinnen und Bürger geprägt von einem Gefühl des Aufbruchs, Stolz und dem Willen – einmal die Unfreiheit überwunden –, dieses Land, unsere Gesellschaft besser zu machen. Genau das haben die Ostdeutschen auch getan. Sie haben den Umbruch mehrheitlich als Chance begriffen, ihre Zukunft mutig in die eigenen Hände genommen und gemeistert – zum Vorbild ihrer Kinder, aber auch vieler westdeutscher Bürgerinnen und Bürger, die diese Erfahrungen in der Form mehrheitlich nie machen mussten.

Ostdeutsche Eigenschaften wie Lebensmut, Pragmatismus und Empathie haben diese Zeit gekennzeichnet und geholfen, schwierigere Zeiten anzugehen. Denn die erlangte Freiheit ging mit harten wirtschaftlichen Anpassungen und mit persönlichen und beruflichen Neuanfängen einher. Vieles, was eben noch als ein vorhersehbarer Lebensweg erschien, war plötzlich der Unsicherheit über die Zukunft gewichen. Wieder einmal standen viele ostdeutsche Bürgerinnen und Bürger vor ihrer abermaligen Neuerfindung. Die komplette Lebenswelt in der ehemaligen DDR veränderte sich: von Vereinen über Gewerkschaften, Bildungsinstitutionen, Produkten bis zum Rechtssystem – der Alltag war plötzlich ein anderer. Sich darin zurechtzufinden, sich durchzukämpfen war eine ungeheure Kraftanstrengung. Diese enorme Lebensleistung hat gesellschaftlich lange keine angemessene Rolle gespielt. Sie ist auch in der deutschen Politik viel zu wenig gewürdigt worden.

Zumal auch im wirtschaftspolitischen Umgang mit den neuen Bundesländern bei Weitem nicht alles richtig gemacht wurde. Viele mussten erleben, wie stolze Traditionsbetriebe aufgekauft und abgewickelt wurden; mit ihnen die Arbeitsplätze verloren gingen. Menschen, die sich teils Jahrzehnte mit Betrieb und Belegschaft identifiziert hatten, standen plötzlich auf der Straße. Ob gerechtfertigt oder nicht, viele machten die Treuhand dafür verantwortlich. Gerade weil die Treuhand ein Teil der deutsch-deutschen Geschichte ist, der als massive Ungerechtigkeit empfunden wurde, sollten wir die Unterlagen, wo immer es geht, veröffentlichen, zur Forschung freigeben. Es ist Zeit, diesen Teil der Geschichte endlich offen und transparent darzustellen.