Wie selten Politiker und junge Menschen aufeinandertreffen, beweist ausgerechnet eine Karte von Berlin-Kreuzberg. Auf eine Spanplatte geklebt, steht sie auf dem Mittenwalder Straßenfest, drei Wochen vor der Wahl. Vor der Karte liegen verschiedenfarbige Stecknadeln, jede Farbe steht für eine Altersgruppe. Ich nehme eine gelbe Stecknadel und stecke sie neben blaue, weiße, grüne Nadeln in die Karte. Es ist kurz nach zwei am Mittag und die einzige Farbe, die noch fehlt, ist Orange. Orange steht für die Jugend, für die 16- bis 25-Jährigen. Die Menschen, die wir mit Demo für Politik begeistern möchten. Kreuzberg ist einer der jüngsten Bezirke Deutschlands. Aber von der Jugend ist hier heute keine Spur. Es riecht nach angekokelter Bratwurst, auf der Bühne singt eine Frau "Sag mir quando, sag mir wann".

Ich wähle am 24. September einen neuen Bundestag, zum vierten Mal in meinem Leben, aber ich habe noch nie an einem Wahlkampfstand haltgemacht. Straßenwahlkampf kam mir immer piefig vor, uncool, was für Menschen ohne LTE. Hätte ich nicht Demo gegründet, wäre ich sicher nicht hier. Aber für heute habe ich mir etwas vorgenommen. Ich will die Politiker mit der Meinung derer konfrontieren, die sich hier nicht blicken lassen. Seit Wochen rede ich mit jungen Menschen über den Wahlkampf, in Kneipen, Klassenräumen, auf der Straße. Doch egal wie unterschiedlich die Gesprächsrunden sind, letztlich kommen immer diese zwei Vorwürfe an die Politik. Erstens: Die interessieren sich nicht für uns! Und zweitens: Es ändert sich sowieso nix!

Ich glaube das nicht, das Zweite schon gar nicht. Deshalb werbe ich ja dafür, dass junge Menschen sich engagieren, Verantwortung übernehmen. Ich weiß aber auch nicht, was die Kandidaten in meinem Kiez tun, um die Kluft zur Jugend zu schließen. Auf dem Straßenfest haben Grüne, Linke und die SPD ihre Stände aufgebaut. Die FDP kämpft lieber woanders, sie hat es schwer in diesem Wahlkreis. Der CDU-Kandidat macht heute Haustürwahlkampf in Prenzlauer Berg. An den Ständen liegen Wahlprogramme, Flyer, Kugelschreiber aus. Als Erstes treffe ich Pascal Meiser von der Linken, 42 Jahre alt, Zopf und Mittelscheitel, er sieht aus wie die Jungs in der Schulband früher.

Herr Meiser, finden Sie keinen Draht zur Jugend?

"Bei uns ist das kein Thema. Die Linke hat von Trump und Co. profitiert", sagt er. "Wir erleben eine regelrechte Eintrittswelle im Kiez, und Zweidrittel der Neuzugänge sind unter 36."

Das heißt, Sie müssen gar nicht um die jungen Menschen werben?

"Ehrlich gesagt, nein." Laut Meiser gibt es die Berührungsängste zwischen Politik und Jugend gar nicht. "Politikverdrossenheit ist eine soziale Frage, keine Frage des Alters." Aber wieso gehen dann nur rund 60 Prozent der jungen Menschen wählen? Schulterzucken.

Links von der Linken steht heute die SPD. Cansel Kiziltepe kommt schnellen Schrittes in weißen Turnschuhen herbei. Meiser und sie umarmen sich. Wahlkampf verbindet. Kiziltepe, 42, ist in Kreuzberg aufgewachsen.

Frau Kiziltepe, wie begeistern Sie die jungen Menschen im Kiez für Politik?

"Puh, schwierige Frage. Es ist nicht leicht. Zum Beispiel das Thema Rente, das sollte die doch interessieren. Es geht ja um ihre Zukunft, ihre Beiträge und Bezüge. Stattdessen sagen sie mir: 'Von der Rente erwarte ich mir eh nix.'" Politiker interessieren sich nicht für die Jugend? Jemand wie Kiziltepe könnte mit Recht erwidern: immer noch mehr als die Jugendlichen selbst. Aber ist das nicht auch der Job einer Berufspolitikerin: an die Zukunft der anderen zu denken?

So fern ist die Indifferenz der jungen Menschen mir nicht. Mit 20 hatte ich selbst keine Lust darauf, mir von irgendeinem Politiker die Welt erklären zu lassen. Damals dachte ich aber auch noch, mir stünden alle Türen offen, dass die Frauenquote überflüssig sei und die Vereinbarkeit von Kind und Karriere nur eine Willensfrage. Dann habe ich angefangen zu arbeiten.

Am Stand der Grünen liegen lange Blättchen für den nächsten Joint aus, junge Menschen allerdings finden sich auch hier nicht. Dabei hat die Kandidatin, Canan Bayram, Hans-Christian Ströbele mitgebracht. Der ist mittlerweile 78 und erstaunlich zerknittert, aber im Kiez noch immer ein Star. Herr Ströbele, stimmt es, dass sich sowieso nichts ändert?

"Nein, es ändert sich unendlich viel. Trotzdem verstehe ich, dass viele junge Menschen davon enttäuscht sind, dass die etablierte Politik die Probleme unserer Zeit nicht anpackt: die Flüchtlingskrise, die Finanzkrise. Jeder weiß, dass es hinten und vorne nicht funktioniert, diese in Europa zu lösen."

Für Ströbele krankt die politische Debatte auch am Fraktionszwang, den er gerne abschaffen würde: "Wenn parlamentarische Demokratie funktionieren soll, müssen die Abgeordneten wirklich selbstständig entscheiden." Viele meiner Mitstreiter bei Demo sehen das ähnlich. Sie erwarten von ihren Vertretern, dass sie Probleme lösen – aber um das effektiv zu tun, müssten sie die Parteigrenzen wahrscheinlich hin und wieder mal überschreiten.

Was junge Menschen in der Politik suchen, ist eine Vision jenseits von Ideologie. Und einen Menschen, der sie glaubhaft vertritt. Jemanden, der keine Angst vor der Zukunft hat, die ihnen selbst manchmal nicht ganz geheuer ist.

Auf dem Straßenfest ist von Zukunftsmusik nichts zu hören. Stattdessen ruft ein junger Mann mit Dreadlocks von der Bühne in eine Menge aus zwölf Leuten: "Kreuzberg, mögt ihr Reggae?" Keiner reagiert. "Na, dann werdet ihr es gleich mögen." Es fängt an zu nieseln. Es ist halb sechs, die Kandidaten sind längst weg. Zwei orangefarbene Stecknadeln zieren mittlerweile die Karte. Zwei Köpfe unter 56 anderen.

Straßenwahlkampf ist piefig, uncool und was für Menschen ohne LTE. Aber er bringt Wähler und Politiker zusammen. Von Angesicht zu Angesicht, ohne Likes und Trolle.