Mag die Welt auch vielfältig und die Imagination unermesslich sein: Eine leere Seite kann den zur Textproduktion angehaltenen Menschen zutiefst verunsichern. Der an der Universität Pennsylvania lehrende Konzeptpoet Kenneth Goldsmith meint, die Lösung dieses alten Problems gefunden zu haben. Statt sich bei der Suche nach einem individuellen Ausdruck abzumühen und der überkommenen Idee des kreativen Künstlergenies hinterherzueilen, sieht er die Zukunft der Literatur in Plagiat, Remix und Aneignung.

Goldsmith hält der Literatur vor, nicht auf Augenhöhe mit der technischen Entwicklung zu sein. Mithilfe einer Armada an Gewährsleuten aus Kunst, Musik und Literatur der letzten 150 Jahre umreißt er eine "Poetik für das digitale Zeitalter". So will Goldsmith die Literatur bewusst narzisstisch kränken und sie durch den praktizierten "Tod des Autors" (Roland Barthes) zu neuer Produktivität beflügeln. Tatsächlich sieht er sein Unterfangen in Analogie zum Schaffen Andy Warhols und zur Konzeptkunst der 1960er Jahre – die Literatur muss ihm wirklich zurückgeblieben erscheinen.

Goldsmith ist fasziniert vom Schreiben nach Programm: Ein erdachtes Konzept wird zu einem Befehl, der dann minutiös und mit möglichst wenig Kreativität ausgeführt wird. Folgerichtig war sein Buch Day ein Werk, worin Goldsmith die Ausgabe der New York Times vom 1. September 2000 abtippte, Artikel, Editorial, Werbung. Oder, anderes Beispiel, der britische Künstler Simon Morris, der im Mai 2008 begann, Jack Kerouacs Unterwegs in einem Blog abzutippen, jeden Tag genau eine Seite. So verwandelt das "Entkleiden" von Medien – so nennt Goldsmith das Herausreißen aus dem bekannten Kontext – deren ästhetischen Wert, was dann doch irgendwie kreativ und zugleich eine bedeutsame Schreibübung sei.

Die innovativen Bücher der Zukunft müssen nach Goldsmith nicht komplett gelesen werden, denn das fertige Werk ist gar nicht entscheidend, sondern der Weg dorthin. Das Buch wird zum "Sprungbrett, von dem aus man sich ins Denken wirft". Aus der Leserschaft wird eine "Denkerschaft", die auch ohne stundenlange Lektüre aus ihrer Konsumentenrolle herauszutreten vermag.

Karl Valentins "Es ist schon alles gesagt, nur noch nicht von jedem" wird für Goldsmith zur Gewissheit. Die Unmenge an Text im Internet ist ihm zufolge eine Ressource, die es mit Sprachmanagement unbedingt zu bändigen gilt. Dabei führt er jedoch nie aus, warum die Literatur das Konstruieren neuer Gedankenwelten aufgeben sollte, um sich stattdessen in die Eindeutigkeit der digitalen Informationsökonomie einzugliedern. Das Internet und die sozialen Medien sind halt die Zukunft und formen unser Dasein, also lasst uns auf den Zug kreativ-unkreativ aufspringen: So in etwa wirkt diese sich am eigenen avantgardistischen Gestus berauschende Mischung aus Manifest und Kunstgeschichte.

Doch bietet die Literatur nicht gerade einen der wenigen Schutzräume vor der digitalen Produktionsweise? Mögen Goldsmiths Ideen auch positiv irritieren – sie werden durch seinen digitalen Bewältigungsfuror zum Paradigmenwechsel aufgeblasen. Das Schreiben über Erfahrungen in dieser Welt wird das jedoch kaum ersetzen können.