Als am 3. September in Berlin-Adlershof Angela Merkel und Martin Schulz ihr TV-Duell beendet haben, machen sie anschließend, getrennt voneinander, einen Besuch im benachbarten Studio G. Dort haben Hunderte von Journalisten und Politikern die Sendung gesehen und Tweets hinaus in die Welt gesendet. Schnell wird dem Außenstehenden klar: Wirklich wichtig sind hier nur jene Menschen, die a) beim Tweeten gefilmt und deren Tweets b) noch während der Sendung öffentlich diskutiert werden.

Plötzlich rauschen viele verkabelte Herren in den Saal; sie bilden eine menschliche Springflut, in deren Mitte die Kanzlerin dahineilt. Unzählige Kameramänner und nachgezerrte Tonleute umringen die Prozession. Nun betritt auch Martin Schulz unter dem Jubel seiner Partei den Saal, was zum Zusammenstoß der Systeme führt: Politiker plus Bodyguards einerseits, Medienleute andererseits. Verkabelte und Bewaffnete bilden vulkanförmige Erhebungen um Merkel und Schulz, an deren Hängen Kameraleute emporklettern, um in die Krater hineinzufilmen. Sie sehen aus wie Landsknechte, die eine Festung stürmen.

Wer hat nun gewonnen? Wer entscheidet, wer gewonnen hat? Es scheint, als solle die Frage noch an diesem Abend unter den Kontrahenten selbst geklärt werden. Man braucht dazu gar kein Volk. Alles wirkt so forciert und überdreht, als sei es eine Satire, mittendrin berühmte Köpfe, Spreng, Friedman, Strunz, Jörges, Altmaier, sich selbst spielend, vom Regisseur, vermutlich Dieter Wedel, zu Auftritten überredet. Welch gespenstischer Mummenschanz! Parteien, die, hinten, weit, in Adlershof, zufrieden aufeinanderschlagen. Ein Wahlkampf ohne Wähler. Alle scheinen, für eine Nacht, glücklich zu sein.

Unterwegs mit Angela Merkel. Die Kanzlerin ist früh in diesem Wahlkampf auf die angriffslustige Rhetorik ihres Herausforderers Martin Schulz angesprochen worden. Sie sagte damals im Berliner Gorki-Theater, bei einer Veranstaltung der Brigitte: "Eigentlich hab ich Martin Schulz immer anders erlebt. Aber wahrscheinlich ist Wahlkampf auch ganz schön anstrengend."

Das war eine Perfidie von Format, ein Gruß an den Anfänger, der gerade seinen ersten (und vielleicht letzten) Wahlkampf begann. Man könnte Merkels Satz so deuten: Der Schulz soll mal allein kämpfen, ich habe Betteleien nicht nötig.

Tatsächlich erzählt sie jetzt nachmittags auf den Marktplätzen immer, welche Regierungsgeschäfte sie morgens in Berlin noch erledigt, welchen Staatspräsidenten sie eben noch empfangen hat. Sie macht eigentlich keinen Wahlkampf, sondern sie unternimmt nach der Arbeit Ausflüge in die Provinzen.

Salman Rushdie hat einmal gesagt, ein Popkonzert sei voll von Leuten, die sich wünschten, sie stünden nicht mit den anderen in der Menge, sondern allein oben auf der Bühne. Angela Merkel, der man nachsagt, sie sei inzwischen selbst ein Popstar, hat eine andere Wirkung. Sie löst in ihren Zuschauern nicht den Wunsch aus, da oben zu stehen und zu regieren. Im Gegenteil: Merkel wirkt wie jemand, der dem Volk etwas erspart und ihm eine Sorge abnimmt.

Wahlkampfauftritte haben bei ihr, wie alles Offizielle, immer etwas von einem eher trüben betrieblichen Ablauf: als sei sie die Person, die unter einen zum Abschluss drängenden Vorgang (wir wollen ja alle mal wieder nach Hause) ihren Inspizientinnen-Haken setzt. Zugrunde liegt ihrer Rede der Rhythmus der Litanei. Sie spricht leiernd, damit jeder sie versteht, und vage, damit jeder sich gemeint fühlen kann, und doch scheint sie sich über die Situation auch ein wenig zu amüsieren: so wie ein Mensch, der ein großes Tier reitet, sich ironisch im Rhythmus des Tiers wiegt, auf dessen Rücken er sitzt.

Andere Redner lassen sich während eines Auftritts regelrecht volllaufen mit der Gunst des Publikums, sie trinken Applaus, als wäre ihr Podium die erste Wasserstelle nach der Wüste. Angela Merkels Auftritt wirkt hingegen immer so, als lasse die Darstellerin nach Kräften alles weg, was ihr bei späterer Begutachtung kompromittierend erscheinen könnte. Es fehlt vor allem alles Rauschhafte. Genügsamkeit in der Wahl rhetorischer Mittel, Genügsamkeit auch im Einsatz der Stimme; es herrscht der Ton der vergnügten Freudlosigkeit.