Es gibt im Wahlkampf einen Moment, der mich besonders fasziniert: Der Kandidat fährt vor in einem Konvoi aus dunklen, schweren Autos, die Tür geht auf, und plötzlich wechselt das Tempo. Der Puls des Kandidaten schnellt in die Höhe, alle Augen sind auf ihn gerichtet – und trotzdem wird für ihn alles langsamer. Eben noch raste sein Wagen über die Autobahn, damit er bloß nicht zu spät kommt, nun muss er Hände schütteln, geduldig zuhören, sich auf fremde Menschen einlassen. Für das Publikum hingegen geht es jetzt erst richtig los. Plaudernd stand man eben noch beieinander, überbrückte die Zeit mit einer Bratwurst, und auf einmal ist er da, der Kandidat. Jetzt wollen die Leute unterhalten werden. In diesem Moment steckt für mich die ganze Widersprüchlichkeit eines Wahlkampfes: Da soll Nähe hergestellt werden, die es gar nicht geben kann.

Wir Fotografen stehen in der Regel dazwischen. Sobald der Kandidat das Auto verlässt, ist er umringt von Blitzlicht, Fernsehkameras und Tonangeln. Wie ein Käfig umschließen sie ihn. Auf den Bildern steht der Politiker im Mittelpunkt. In diesem Wahljahr wollte ich alles mal langsamer machen. Über mehrere Wochen hinweg habe ich das Team von Martin Schulz bei Auftritten begleitet, vom Altersheim in Jena bis zum TV-Duell in Berlin-Adlershof. Es ging mir nicht um den Kandidaten Schulz, sondern um Deutschland im Wahlkampf: Wie zeigt sich dieses Land vor seiner wichtigsten Wahl?

Ich habe mich beim Fotografieren abseits der Traube von Kollegen bewegt, die nah an Martin Schulz heranmüssen. So konnte ich sein Team und auch sein Publikum erleben. Hinter der Bühne telefonierte der Sprecher von Schulz oft hektisch: Neue Umfragen kamen heraus, neue Schulz-Geschichten in namhaften Zeitungen, die Hölle brach los. Keine leichte Aufgabe, den Chef trotzdem allzeit stark zu präsentieren. Von den 2.000 Menschen, die vor der Bühne zu Schulz aufblicken, wollen am Ende viele doch nur ein Selfie. Einmal fragte mich ein Paar: "Ist die Wahl in diesem oder erst im nächsten Jahr?"

Nach diesen Wochen weiß ich: Das Land ist voller Kontraste. Da kommt ein Martin Schulz nachmittags aus einem Bierzelt in Bayern und sitzt abends mit einem Kreis von Schriftstellern in Berlin, besucht hier eine Buchhandlung, dort Kleingärten. Dabei macht nicht die Kulisse den wahren Unterschied, sondern der Zugang der Menschen zum Politiker. Schulz lässt bei allem Trubel immer seinen Blick wandern, signalisiert durch ein leichtes Nicken, wenn er jemanden erkennt. Manchmal berührt er Leute auch kurz am Arm oder klopft ihnen auf die Schulter, als ob er sich vergewissern wollte, dass alles echt ist.

Protokoll: Lea Frehse