Es ist kein Zufall, dass die architektonische Ikone der Wiener Moderne wie ein gigantischer Tresor auf die Ringstraße lugt. Doch was nun geschieht, das stand nicht in der Absicht des Schöpfers: Die Postsparkasse, Otto Wagners 1912 fertiggestelltes Meisterwerk mit den 17 000 Aluminiumbolzen an der schnörkelfreien Fassade, sperrt für das Publikum Schritt für Schritt ihr Inneres weg.

17 Uhr am vergangenen Sonntag, die Architektur-Veranstaltung Open House geht zu Ende, die ein Wochenende lang durch sehenswerte Gebäude Wiens geführt hat. Die Postsparkasse zog die Massen an, Samstag wie Sonntag waren die streng überwachten Rundgänge durch eines der meistfotografierten und -besuchten Bauwerke der Stadt schon am frühen Nachmittag ausgebucht.

Wer diesmal keinen Platz bekommen hat, hat womöglich für immer Pech gehabt: Führungen durch die einstigen Direktions- und Vorstandszimmer im Obergeschoss gibt es von nun an keine mehr. Das Wagner:Werk Museum im kleinen Kassensaal schließt mit Monatsende, die berühmte große Kassenhalle mit dem doppelten Glasdach kann nur mehr bis Juni 2018 betreten werden.

Dann zieht die Bawag, einst Besitzer und derzeit noch als Mieter im Haus untergebracht, aus. Das zwischen 2003 und 2005 aufwendig sanierte und von Umbausünden vergangener Jahrzehnte befreite Architekturjuwel gehört seit Ende 2013 der Signa Prime Selection, Teil der verzweigten Holding von René Benko. Es ist nicht das erste prestigeträchtige Bankgebäude, in das der Tiroler Immobilien-Tycoon investiert. Zuvor hat Benko etwa die einstige Länderbank-Zentrale in seiner Wiener Luxus-Shoppingmeile, dem Goldenen Quartier, zum Fünfsternehotel umbauen lassen.

Was Signa mit der Postsparkasse plant, für die 150 Millionen Euro gezahlt worden sein sollen, gibt das Unternehmen nicht näher preis. Gerade werde "die zukünftige Nutzung des Gebäudes speziell hinsichtlich von Büros" geprüft, heißt es von Seiten der Holding, "aber auch eine Hotel- oder eine Wohnnutzung" seien möglich.

Geplant wurde das Bauwerk als Zentrale der "Sparcasse für den kleinen Mann": ein Konzept, dem Wagner eine architektonische Gestalt gab. "Eigenartig, wie gut die Menschen hineinpassen", soll 1906, bei der Eröffnung des großen Kassensaals, selbst Kaiser Franz Joseph erkannt haben, der für gewöhnlich den historistischen Zinnober der restlichen Ringstraßenarchitektur bevorzugte. Der kleine Mann verliert den freien Zugang ausgerechnet zu einem Zeitpunkt, an dem sich Wien auf wahre Wagner-Festspiele vorbereitet. Zum 100. Todestag im kommenden Jahr schmücken sich nicht nur die Touristiker mit dem Stadtbaumeister, auch zahlreiche Ausstellungen beschäftigen sich 2018 mit Wagner.

Freilich werden auch seine richtungsweisenden Möbeldesigns ein Thema sein. Wagner war schließlich ein Gesamtkünstler, der die Symbiose von innen und außen nirgendwo ausführlicher exerziert hat als eben in der Postsparkasse: Von Türschnallen, Textilmustern und den Fußmanschetten der Sitzmöbel über Stehpulte, Etageren und Safes bis zu den skulpturalen Warmluftausbläsern im Kassensaal hat der Wissenschaftler unter den Architekten jedes Detail eigenhändig und seinem Credo folgend entworfen: "Etwas Unpraktisches kann nicht schön sein."

Doch die Zukunft des Mobiliars ist noch ungewisser als jene des achtgeschossigen Monumentalbaus selbst. So wie sich die Stadt Wien und der Bund nicht weiter für das Gebäude interessiert haben, als bekannt wurde, dass es verkauft werden soll, so scheint sich auch für die historische Innenausstattung niemand zuständig zu fühlen.

Die Fassade der Postsparkasse, mit der die architektonische Moderne nach Wien kam. © Jose Giribas/SZ Photo/laif

Zwar steht das Haus unter Denkmalschutz, der einem beliebigen Umbau gewisse Grenzen setzt. Zum geschützten Ensemble gehören auch verbaute Schränke oder das edle Interieur im Gouverneurs- und Vorstandstrakt. Doch das wahre Genie Wagners zeigt sich gerade in den Gebrauchsgegenständen für die Kunden und einfachen Bediensteten.

Sein bekanntester Entwurf ist der Postsparkassenhocker: gefertigt aus fünf einzelnen Bugholzrahmen mit einer Sitzfläche aus perforiertem Sperrholz, robust und einst überaus billig in der Produktion. Fünf der kubischen Designikonen stehen am vergangenen Wochenende noch linker Hand im Kassensaal. Von den 60 weiteren verliert sich die Spur, so wie von den meisten der über 600 Möbelstücke, die vor Jahren inventarisiert wurden. Einzelne Exemplare stehen in Museumssammlungen, manches ist in der Nachkriegszeit und in den siebziger Jahren in Privatbesitz gekommen. Dennoch blieb der größte Teil bis zuletzt erhalten – und im Besitz der Bawag.

Versuche verschiedener Museen, Möbel aus dem Bestand der Postsparkasse für die 2018 anstehenden Ausstellungen auszuleihen, sind fehlgeschlagen. Die Bawag beruft sich gegenüber der ZEIT auf den "großen Umzugsprozess", in dieser Phase könne man "aufgrund des Arbeitsaufwandes und organisatorischer Beeinträchtigungen keine Möbel als Leihgaben zur Verfügung stellen".

Wo sich die teils überaus wertvollen Möbelstücke derzeit befinden und in welchem Zustand sie sind, gibt die Bank nicht preis. Über die Sammlung aus dem bald geschlossenen Wagner:Werk Museum heißt es bei der Bawag: "In welcher Form diese oder Teile davon der Öffentlichkeit in Zukunft zugänglich gemacht wird, ist noch nicht entschieden", genauso würden für das Mobiliar "Szenarien entwickelt und Gespräche geführt, die dem kulturellen Erbe entsprechend Rechnung tragen".

Fest steht jedenfalls: Die Bank, die seit 2006 mehrheitlich dem US-Fonds Cerberus gehört und ihre Zentrale an die Signa-Group verkauft hat, übersiedelt 2018 in eines der Großprojekte der Signa hinter dem Wiener Hauptbahnhof. An das Gesamtkunstwerk Postsparkasse werden dann nur mehr seine Fassade und Fotos aus jenen hundert vergangenen Jahren erinnern, in denen die Innenräume noch den kleinen Mann empfingen.