Frage: Herr Grün, war Jesus ein politischer Mensch?

Anselm Grün: Aus sich heraus war Jesus kein politischer Mensch. Er hat dem Einzelnen geholfen und ihn aufgerichtet. Aber sein Wirken war politisch. Jesus wurde von König Herodes verfolgt, denn er hat Wahrheiten verkündet, die Herodes nicht gepasst haben.

Frage: Dann war er ein politischer Flüchtling, dem man nach heutigen Maßstäben hätte Asyl bieten müssen?

Grün: Ja, er war sicher ein Verfolgter. Im Markusevangelium kann man gut nachlesen, wie er immer wieder aus dem Herrschaftsbereich des Herodes geflohen ist, weil der ihm nach dem Leben trachtete. Im Territorium des Philippus war es für ihn leichter, zu predigen. Deshalb ist er oft dahin ausgewichen.

Frage: Es gibt die These, dass Judas Jesus verraten habe, weil der keine Revolution anzetteln wollte, die römische Fremdherrschaft nicht gewaltsam beenden wollte ...

Grün: Das kann man nicht beweisen. Jesus hatte unter seinen Jüngern wohl zwei Partisanen, sogenannte Zeloten. Judas war einer. Er wollte die Römer mit Gewalt aus Palästina vertreiben. Jesus hat aber gerade nicht den bewaffneten Widerstand verkündet. Kann sein, dass Judas enttäuscht war. Es gibt viele Theorien, warum Judas Jesus letztlich verraten hat. Man muss es offenlassen.

Frage: Wie sah Jesu Wahlprogramm aus?

Grün: Gott ist nah, Gott will die Freiheit, Gott will, dass ihr barmherzig seid, Gott will nicht, dass ihr euch gegenseitig verurteilt. Den anderen zu verurteilen und zu bewerten ist letzthin so modern geworden. Jesus hat versucht, genau das nicht zu tun. Er ist an die Ränder der Gesellschaft gegangen und hat dort Werte vermittelt.

Anselm Grün, Jahrgang 1945, ist Benediktinerpater in der Abtei Münsterschwarzach. Zuvor studierte er Philosophie und katholische Theologie, später auch Betriebswirtschaftslehre. Grün hat über 200 Bücher geschrieben. © Hannes Leitlein

Frage: Welche deutsche Partei vertritt heute diese Werte?

Grün: Keine Partei hat alle christlichen Werte im Programm. Obwohl die CDU und die SPD versuchen, sich ihnen anzunähern: Sie legen mittlerweile großen Wert auf die Erhaltung der Schöpfung, die Grünen tun das sowieso. Werte wie Freiheit und Gerechtigkeit sind sicher christliche. Aber keine Partei könnte Jesus für sich in Anspruch nehmen, jede müsste sich dafür grundlegend wandeln. Jesus lässt sich nicht vereinnahmen. Niemand kann sagen: Wir vertreten Jesus und ihr nicht. Das lässt Jesus nicht zu.

Frage: Was ist mit der vermeintlich so christlichen AfD?

Grün: Die versuchen es. Aber die entsprechen Jesus sicher ganz und gar nicht. Jesus war kein Rassist, Jesus hat nicht verurteilt.

Frage: War Jesus ein Populist im positiven Sinne? Ein Menschenfischer und -fänger eben?

Grün: Nein, er war ein freier Mensch. Populist war Jesus nicht. Populisten verbiegen sich. Sie reagieren auf Erwartungen der Menschen. Um Jesus kamen die Leute nicht herum. Wenn er gepredigt hat, haben viele aufgeschrien, weil er ihre falschen Selbstbilder ans Licht gezerrt hat. Er hat provoziert und ist angeeckt. Er hat die Wahrheit verkündet ohne Rücksicht darauf, ob es den Leuten passt oder nicht. Er hat dem Volk nicht aufs Maul geschaut. Das ist das Gegenteil von Populismus.

Frage: Es gibt in Sachen Steuereintreibung von Jesus das berühmte Zitat "Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist". War Jesus für einen starken Staat?

Grün: Jesus war kein Anarchist! Das Zitat könnte man sinnvoll so vervollständigen: Gebt dem Kaiser zurück, was des Kaisers ist – er baut die Straßen. Unter Pharisäern gab es damals einen Streit, ob die Juden dem Kaiser Steuern zahlen sollten. Jesus ist da realistisch: Der Staat ist Teil des Lebens, dem soll man geben, was ihm gehört. Aber der Mensch in seiner Freiheit gehört Gott.

Frage: Heutzutage fühlt es sich aber so an, als gehörte der Mensch doch eher dem Staat als Gott.

Grün: Der Sozialphilosoph Max Horkheimer hat argumentiert, dass der Staat immer totalitäre Züge trage, weil er alles wissen möchte von seinen Subjekten. Genau das erleben wir heute, diesen totalen Anspruch. Jesus hat ihn relativiert: Der Staat hat Anspruch auf die äußeren Dinge, auf Geld, um Investitionen zu bezahlen. Aber er hat kein Anrecht auf die Würde des Menschen.

Frage: Viele Staaten haben den, wie Sie sagen, unpolitischen Jesus dennoch politisch instrumentalisiert. Die Kirche selbst hat sich da groß hervorgetan.

Grün: Ja, zum Beispiel bei der Mission in Südamerika. Da hat die Kirche Leute gezwungen, Christen zu werden, und mit Jesu Worten argumentiert. Das Gleiche hat Karl der Große bei der Sachsenmission gemacht. Mission und Gewalt gingen im Mittelalter häufig Hand in Hand. Auch die Kreuzritter haben Gewalttaten mit dem Evangelium gerechtfertigt. Und wenn das Volk einen Sündenbock brauchte, beispielsweise während der Pest, hat es immer die Juden gewählt, weil sie die sogenannten Christusmörder waren. Da wurde Jesus missbraucht, weil man sagte, die Juden haben ihn ans Kreuz geschlagen. Dabei waren das die Römer. Sie haben Jesus als politischen Feind gekreuzigt. Sie hatten Angst, dass er sich zum Anführer einer Bewegung machen könnte, die ihnen unangenehm geworden wäre.

Frage: Wenn Jesus heute leben würde, wäre er Demokrat oder Monarchist?

Grün: Ich denke, er wäre Demokrat. Weil er kein Gespür für Könige und Autoritäten hatte.

Frage: Was können Wahlkämpfer von Jesus lernen?

Grün: Dass man authentisch sein muss, nicht populistisch. Dass man sich nicht verbiegen darf. Dass man den Menschen etwas zumuten muss. Auch muss man auf sie hören: Welches sind ihre wahren Bedürfnisse? Politiker sollten unterscheiden: Was ist aufgesetzt und was ist eine tiefe Sehnsucht? In diesem Sinne hat Jesus auf die Menschen gehört. Er hat ihnen etwas gegeben, das ihre Seele nährt, das sie aufrichtet und nicht abhängig macht. Er hat sie eingeladen und fasziniert. Mit Ängsten hat er nicht gearbeitet.