Große Summen fließen in die Kultur, fast zehn Milliarden Euro gibt die öffentliche Hand im Jahr. Und doch, so scheint es, ist das nicht genug. Nicht genug jedenfalls für die gebührenfinanzierten Nachrichtensendungen von ARD und ZDF, für Tagesschau und Tagesthemen, heute, heute-journal und heute+. Sie berichten so gut wie nie über das kulturelle, das so hoch bezuschusste Leben, es sei denn, es lässt sich nicht vermeiden und die Elbphilharmonie wird eingeweiht oder das Filmfestival in Cannes beginnt.

Um sich diesen Luxus nachrichtlichen Verschweigens leisten zu können, gerade in Zeiten hedonistischer Individualisierung und der Trockenlegung metaphysischer Bedürfnisse, dazu bräuchten die Fernsehredaktionen eigentlich triftige Gründe. Doch die haben sie nicht. Immerhin hält die Kultur unsere Gesellschaft zusammen, verleiht ihr Identität oder verunsichert sie dort, wo es Verhärtungen gibt. Doch die Nachrichtensendungen in ARD und ZDF üben sich in Ignoranz.

Doch warum? Weshalb muss die Kunst verschwiegen werden?

"Alles Wichtige vom Sport in circa 15 Minuten" – so oder so ähnlich vernehmen wir die Moderatoren der Nachrichten in heute allabendlich um 19 Uhr. Dann sehen wir kurz die Ansager vom Sport, lächelnd natürlich – und um 19.15 Uhr, pünktlich wie prognostiziert, kommt es dann tatsächlich, das Neueste vom Sport! Als Höhepunkt am Abend eines ereignisreichen Tages, als Belohnung für die Unbill des gesellschaftlichen Tagesgeschäfts und als Trostpflaster für den Abend. Denn im Sport ist es wie im wirklichen Leben: Es gibt Verlierer und Gewinner. Werbung und Wetter folgen. Die Werbung sagt uns, was wir jetzt noch zum Wohlfühlen brauchen, und die Wetterprognose verrät uns einigermaßen treffsicher die Zukunft. Und ausgerechnet die Kultur soll keiner täglichen Meldung wert sein?

Es gibt in Deutschland jährlich ungefähr 35 Millionen Besucher in 126.000 Theateraufführungen und 9.000 Konzerten. Es gibt rund 140 öffentlich getragene Theater, 220 Privatbühnen, 130 Opern-, Sinfonie- und Kammerorchester, 70 Festspiele, 150 Theater- und Spielstätten ohne festes Ensemble, 100 Tournee- und Gastspielbühnen ohne festes Haus plus eine unübersehbare Vielzahl freier Gruppen. Und es gibt gut 110 Millionen Besucher in 6.358 Museen. Es gibt Kinos, Popkonzerte, Literaturhäuser, Galerien, Chöre, Laienorchester, Musikschulen, Malkurse, Kunstvereine, es gibt Bibliotheken mit Myriaden von Nutzern, Freunden, Förderern, Sponsoren und, und, und.

Sie alle, die Menschen, die Kultur produzieren, fördern, wahrnehmen und brauchen, arbeiten gleichermaßen am Gedächtnis unserer Gesellschaft und an ihrer Ausgestaltung, an europäischer Gegenwart und Zukunft. Und an einem wie auch immer gearteten humanistischen Menschenbild, das hoffentlich, nein, das ganz gewiss eine Zukunft hat.

Wir haben diese vielen Dichter, Denker und Darsteller, Musiker und bildenden Künstler, Film- und Fernsehschaffenden, die lebenden wie die toten, weil wir ihnen und uns eine Vielzahl von Spiel-, Denk-, Lebens-, Erlebnis-, Erinnerungs-und Bewahrungsräumen widmen. Nicht, wie anderswo, hauptsächlich hauptstadtkonzentriert, sondern übers Land verstreut – als erfreuliche Auswirkung einstiger Kleinstaaterei.

Keine Kultureinrichtung, die sich nicht beschäftigte mit der Wechselwirkung zwischen gesellschaftlichen Verwerfungen und den Innenräumen des Menschen, den fröhlichen und den finsteren, und die sich nicht befasste mit der Kritik an Herrschaftsmechanismen.

Um die gesellschaftlichen Probleme zu lösen, brauchen wir nicht nur einen wachen Verstand, eine kluge Politik und eine ebensolche Gesetzgebung, sondern vor allem auch: die Kunst und ihre subversiven, befreienden und auch identitätsstiftenden Kräfte. Bröckelt nicht das Fundament unserer bürgerlichen Gesellschaft, der Humanismus? Haben sich Ethik und Moral nicht längst im digitalen Netz verheddert, und wird der Mensch, seiner Geheimnisse und seines Gedächtnisses beraubt, nicht längst modelliert nach dem Wunschbild der Kinder aus dem kalifornischen Valley, einem Bild, das wir, in der Blase der Selbstlüge, für unser eigenes halten?

Wir brauchen die Kunst, damit wir weder an der Wahrheit noch am digitalen Zugriff auf unser Dasein zugrunde gehen. Die Debatte über unser Leben – und darüber, wie wir es führen wollen – ist nicht anders als selbstbestimmt zu denken. Und sie wird täglich und allabendlich in den Theatern, den Konzertsälen, den Bibliotheken, den Museen, den Kinos, den Literaturhäusern und an anderen Orten der Meinungsäußerung geführt. Sind Kunstwerke nicht ebenso, oder ebenso wenig, gut begründet wie die Analysen und Prognosen der Politiker, der Wirtschafts-, der Finanzwissenschaftler, der Statistiker, der Meinungsforscher, Terrorexperten und der vielen anderen fremd- oder selbst-auratisierten Aussageautoritäten?

"Wir schalten um zur Tagesschau", dem zuverlässigen Lagerfeuer am Abend für alle, die mit dem Fernsehen aufgewachsen sind, unter deutschen Dächern und nach dem Motto: "Ist der Feierabend da, Hausschuhmarke Romika!" Hier führt uns eine Person durch die Nachrichten der Welt. Es gibt, anders als bei heute, keinen angestammten Platz für den Sport. Die Gelegenheit sollte sich die Redaktion der Tagesschau nicht entgehen lassen: Sie könnte das nachrichtliche Vakuum bei den öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten füllen, sie könnte die vakant gebliebene Rolle der Kulturmoderation besetzen und das Tagesgeschehen kulturell krönen durch eine Berichterstattung über Kunst, Theater, Oper, Literatur und so das Fernsehpublikum, zwischen Börse vor acht und Wetterbericht, durch Kultur als "Lebensmittel und Lebensmitte" bereichern. Und warum nicht neben Kulturjournalisten auch Künstlern die Berichterstattung anbieten? Linda Zervakis und Campino, Susanne Daubner und Nina Hoss, Jan Hofer und Gerhard Richter, das wäre ein Happy End zwischen der Kultur und der ARD.