Das Buch entfaltet sich behutsam, langsam, fast quälend. Arlie Russell Hochschild ist eine sorgfältig arbeitende Frau, eine renommierte Soziologin, wir verdanken ihr überraschende Studien, etwa zum wahnwitzigen Parcours von Eltern zwischen Kindern und Büro (Keine Zeit, 2002) oder zur Kommerzialisierung von Intimität im Online-Dating oder in der Altenpflege (The Outsourced Self, 2013). Man merkt, das neue Projekt fällt ihr nicht leicht. Die Professorin, Jahrgang 1940, fährt aus ihrem schönen Berkeley in Kalifornien herunter nach Louisiana, aus ihrer hübschen linksliberalen Blase hinaus in einen Staat, der unter den 50 Staaten Amerikas einer der elendesten ist. Genauer: der zweitärmste. Hier liegen keine Stapel der New York Times, Bio ist nicht im Angebot, es wird gegrillt. Statt Kleinwagen gibt es fette SUVs. Auch die Körper sind nicht für Kleingrößen geeignet. Kleine Flaggen überall, im Rot-Weiß-Rot der Konföderierten, die einst den Sklavenstaat verteidigten. Der in Breitwand verkitschte Charme des tiefen Südens ist vom Winde verweht, das Paradies verloren. Die knorrigen Bäume, von denen einst das lange Moos übers Wasser strich – tot kauern sie in giftig schillernder Brühe.

Hochschild nennt Louisiana das "Ground Zero" der Petroindustrie. Sie trägt zusammen: Milliardenschwere Subventionen haben chemische Großbetriebe angelockt. Shintech, ExxonMobil, Monsanto. Im Boden dürfen Giftabfälle günstig vergraben werden, aus Schornsteinen verpuffen stinkende Wolken. Hier wird die höchste toxische Emission pro Kopf gemessen, bei Männern die zweithöchste Krebsrate der Vereinigten Staaten. Die Schulen sind marode, die Kinder abgehängt mit katastrophalen Lese- und Mathe-Kenntnissen. Ihre Eltern – mehrheitlich Tea Party. Sie wählen Politiker, die versprechen, den öffentlichen Sektor weiter herunterzuschrauben, Millionären die Steuern zu kappen bei gleichzeitiger Kürzung der Armenfürsorge. Und vor allem für Großbetriebe diese Umweltschutzbestimmungen abzubauen. Trump-Wähler. Der harte Kern. Warum nur? Diese Frage befeuert das Buch.

Es ist eine Herausforderung. Verstehen, warum Menschen vehement den Staat zum Feind erklären, wo doch 44 Prozent ihres Haushaltes als Subvention von Washington kommt. Hochschild nennt es "das Paradox". In intensiven Gesprächen kämpft sie darum, es aufzulösen. Und sie hat dabei ein Problem am Wickel, das ja keineswegs nur Amerika hat, nämlich dass Menschen sich von dem abwenden, was ein Rechtsstaat ihnen an Schutz verspricht. Dass sie es für ärgerliches Pillepalle halten, den Faulen, also Arbeitslosen, zu helfen. Und dann noch Rechte für Frauen und Schwule!

Solle man die Armen doch verhungern lassen, sagt eine Frau. Alleinerziehenden müsste man die Eileiter abklemmen!

Reportage, Gesprächsprotokolle, Fakten. Hochschild ringt um Verständnis

Ja, das ist die Steilvorlage für eine, die sich vorgenommen hat, stellvertretend für uns "die Empathiemauer" zu überwinden, die sich allerorten zwischen Links und Rechts, Arm und Reich, Nord und Süd breitgemacht hat. Mit Mauer meint Hochschild auch das eigene Zurückzucken vor Positionen, die ihr gnadenlos erscheinen, und, man fühlt es zwischen den Zeilen, auch als gnadenlos dumm. Mit Überwindung meint sie das Gegenteil von dem, was gerade so in ist im politischen Diskurs Amerikas, nämlich das Hochziehen von Mauern. Sie will Mauern einreißen.

Es ist ein Buch, das sich in seiner Mischung aus Reportage, Gesprächsprotokollen, Faktenanhäufung leicht liest und spannend ist wie ein Krimi. Es geht ja auch um Leben und Tod, um die ewige Frage: Wer war’s? Wer ist schuld an der Misere, der gierige Kapitalismus, der nur Gewinne kennt, koste es, was es wolle, also die anderen? Oder die Bürger, die dagegen nicht aufbegehren? Wir treffen hier einen, der sich schuldig bekennt, jahrelang im Schutze der Nacht für seine Firma den Giftmüll in ein Gewässer gekippt zu haben. Und der dann, schwer erkrankt, gefeuert wurde. Männer stehen des Nachts in ihren Gärten, unter denen das Methangas blubbert, und weinen um ihre krebskranken Frauen und Kinder. Sie gehen noch fischen, wie damals, als sie Kinder waren. Nur können sie die Fische nicht mehr essen. Es sei denn, sie folgen komplexen chirurgischen Schnittmustern und entfernen am Fisch das Giftgewebe, und dann guten Appetit.