DIE ZEIT: Herr Richter, Sie haben lange Jahre die Landeszentrale für politische Bildung geleitet, und in Zeiten von Pegida sind Sie einer der wichtigsten Vermittler zwischen Wütenden und dem Rest der Gesellschaft geworden. Verzweifeln Sie manchmal an der Wut im Osten?

Frank Richter: Nein. Ich würde gerne daran erinnern, worüber wir noch vor wenigen Jahren geklagt haben: Darüber, dass die Gesellschaft gerade im Osten apolitisch und lethargisch sei. Nun erleben wir eine starke Politisierung. Die zeigt sich nicht formvollendet und korrekt wie im Proseminar Politikwissenschaft, sondern vulgär, auf der Straße, inklusive aller denkbaren Emotionen. Aber warum sollte das nicht erlaubt sein? Die Menschen dürften sich so nicht äußern, heißt es. Das kann nicht wahr sein.

ZEIT: Was soll diese Wut denn bringen?

Richter: Ich war in der DDR auch ein Wutbürger. Wut ist nicht unbedingt konstruktiv. Aus Wut kann Hass entstehen. Und der ist zerstörerisch. Aber bevor Hass entstanden ist, muss viel geschehen sein. Und: Man kann es verhindern. Mich interessiert die Entstehungsgeschichte zunächst der Wut und dann des Hasses. Am Anfang steht das Gefühl der Ohnmacht. Psychologen würden es vielleicht andauernde mangelnde Selbstwirksamkeits-Erfahrung nennen.

ZEIT: Dass man das Gefühl hat, nicht gehört zu werden?

Richter: Ja, das ist für manche Menschen der entscheidende Antrieb, jetzt derart wütend zu sein – ihrer Erfahrung nach: Die Welt geht über mich hinweg, ich verstehe sie kaum mehr, kann sie schon gar nicht mitgestalten. Das ist ein Gefühl, das sich nicht einfach wegdiskutieren lässt, dem muss man nachgehen.

ZEIT: Angela Merkel wird ausgepfiffen, manche schreien "Hau ab!", das ist dennoch nichts, wofür man Verständnis haben kann.

Richter: Richtig. Wenn Leute zum öffentlichen Auftritt eines Politikers gehen und "Hau ab" brüllen, dann ist das nicht akzeptabel. Aber ich habe mehrere Wahlkampf-Veranstaltungen besucht und erlebt, dass dies nur ein kleiner Teil der Leute tut. Es wurde gepfiffen und gebuht, aber das hörte auch irgendwann wieder auf. Politiker sollten nicht allzu empfindlich sein, solange der Widerspruch einigermaßen im Rahmen bleibt. Wahlkampfveranstaltungen auf Marktplätzen sind nicht gemacht für ausgewogene Diskussionen. Es sind Propagandaveranstaltungen. Ich meine das nicht negativ, sondern wertneutral. Warum sollte es also nicht auch Gegenpropaganda geben dürfen?

ZEIT: Mit Trillerpfeifen?

Richter: Dass auf Marktplätzen Trillerpfeifen verwendet werden, ist nicht ganz neu in Ostdeutschland, das ist sicher nicht angenehm und kein Ausdruck einer hoch entwickelten politischen Kultur. Aber Politiker sollten diesbezüglich nicht aus Pappe sein, das halten alle Beteiligten bis zu einer Schmerzgrenze aus. Ich habe an den Wahlkampfveranstaltungen meinerseits auch manches zu kritisieren.

ZEIT: Was denn?

Richter: Dass wichtige Themen eher ausgespart werden. Wie geht es weiter mit Europa, dem Abbau der Braunkohle, dem Klimaschutz? Wahlkämpfe müssten die Sternstunden der Demokratie sein. Für meine Begriffe wird zu wenig gestritten.

ZEIT: Sie selber haben sich voller Enttäuschung von der CDU abgewandt, deren Mitglied Sie 25 Jahre lang waren. Warum haben Sie es in der Partei nicht mehr ausgehalten?

Richter: Da gab es einen Anlass und mehrere Gründe, die ich lange vor mir hergeschoben habe. Einer ist: Ich komme aus der DDR-Friedensbewegung und kann einfach schwer damit leben, dass deutsche Waffen nach Saudi-Arabien exportiert werden. Die CDU befürwortet das. Der zweite, eher regional bedeutsame Grund liegt in der verfehlten Schulpolitik, speziell in Sachsen. Mir scheint: Die humanistische Bildung ist aus dem Blick geraten.

ZEIT: Und was war letztlich der Anlass?