Es piept dreimal, die Türen der U8 schließen sich hinter uns. Jetzt müssten wir den Mund aufmachen, aber da ergreift schon ein anderer das Wort: "Entschuldigen Sie bitte die Störung, ich bin obdachlos." Aufatmen. Ich ziehe mit Maxi, 29, und Anneli, 27, durch die Stadt: Aktionstag. Maxi und ich tragen Demo-Pullover in Rot und Schwarz. Anneli hat Demo-Sticker auf ihre Collegejacke geklebt.

Mit dem Bastkorb, in dem Sticker, Postkarten und Flyer liegen, sehen wir aus wie ein politischer Junggesellinnenabschied, nur weniger enthemmt. Wir wollen die Leute daran erinnern, dass am Sonntag Bundestagswahl ist und dass ihre Stimme wichtig ist. In einer überfüllten U-Bahn kostet das mehr Überwindung, als wir gedacht hätten.

Als ich zwei Tage nach der Trump-Wahl Demo auf Facebook gründete, hatte ich den Tocotronic-Song Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein im Ohr. Heute sind wir eine Community mit mehr als 7.000 Nutzern in den sozialen Netzwerken. Über fünfzig Leute arbeiten ehrenamtlich für Demo. Sie heißen Moni, Khaled, Aicha, Anna, Flavia, Jens, Katrin, Mario, Viola, Helmut, Lisa, Martina, Vincent oder Steffi. Gemeinsam haben wir eine Website gebastelt, eine Vereinssatzung geschrieben, Geld eingetrieben, Plakate, Flyer, Sticker, Pullover entworfen, Workshops konzipiert, die Social-Media-Kampagne #qualderwahl geplant und Bill Kaulitz als Unterstützer gewonnen, weshalb nun 418.000 Tokio-Hotel-Fans von uns wissen.

Wir waren in Aachen, Stuttgart, München, Hannover, Köln, Berlin, Hamburg, Pirna, Regensburg, Dresden, Erfurt, Jena, Wiesbaden, Mainz, Frankfurt und Potsdam aktiv. Am Wahlsonntag werden wir all das mit einer Party feiern, mit Livemusik, DJs, einer Poetry-Slammerin und den Hochrechnungen. Demokratie soll auch Spaß machen.

An der Jannowitzbrücke steigen wir um, wieder gehen die Türen zu. Maxi traut sich endlich: "Nächste Woche ist Bundestagswahl. Wer braucht noch Entscheidungshilfe? Wir haben die Wahlprogramme zusammengefasst." Keiner guckt. Sie vielleicht? "I don’t speak German." Du? Ein Junge nimmt die Stöpsel aus seinen Ohren. "Ja, warum eigentlich nicht!"

Wir reichen ihm einen Flyer in A3, auf der Vorderseite steht in Schwarz auf Rosa: Be A Voice Not An Echo. Auf der Rückseite haben wir die Wahlprogramme von CDU, SPD, Grünen, Linker, FDP und AfD verglichen, also der Parteien, die damit rechnen können, in den Bundestag einzuziehen. Stichpunktartig stehen da ihre Positionen zu den Themen EU und Außenpolitik, Steuern und Finanzen, Energie, Umwelt und Innovation, Arbeit und Soziales, Familie, Rente, Gesundheit, Integration und Bildung.

Drei Stunden lang fahren wir die S-Bahn-Strecke rauf und runter. Am Ende haben wir an über 300 Menschen Flyer verteilt. Manche sagen: "Toll, dass ihr das macht." Zum Beispiel zwei junge Frauen, die wählen wollen, aber bisher nur wissen, wen nicht: die AfD. "Über alles andere habe ich mir noch keine Gedanken gemacht", sagt die eine. Die andere: "Es ist so schwer, sich zu informieren." Wer lese schon 700 Seiten lange Wahlprogramme, um dann festzustellen, dass die Angebote doch sehr ähnlich seien?

Sind sie gar nicht, wie unsere Flyer zeigen. Es gibt große Unterschiede. Beispiel Bundeswehr: Die CDU will die Verteidigungsausgaben auf zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts erhöhen, die FDP sogar auf drei Prozent. Die SPD ist strikt dagegen und will eine europäische Armee aufbauen. Die Grünen wollen die Bundeswehr langfristig den Vereinten Nationen unterstellen. Die Linke will alle Auslandseinsätze beenden. Und die AfD die Wehrpflicht wieder einführen.