Hatten sich vor ein paar Wochen nicht viele politische Beobachter noch mokiert, diese Bundestagswahl sei langweilig? Wenn das nur stimmte! Wahr ist nämlich das Gegenteil: Diese Wahl könnte eine Zäsur werden, im besten Fall ein Neuanfang, im schlechtesten eine Bedrohung für die Demokratie. Schon jetzt wird deutlich, wie atemberaubend schnell sich die Parteien in den vergangenen vier Jahren verändert, wie sehr sich die Ansprüche und Bindungen der Bürgerinnen und Bürger gewandelt haben, wie tief die Spaltung in Deutschland unter einer vermeintlich kalmierten Oberfläche geworden ist. Und: wie sehr es jetzt auf jede Stimme ankommt.

Ja, wir reden hier nicht nur, aber auch über den wahrscheinlichen Einzug der AfD in den Bundestag – mit einem möglicherweise zweistelligen Ergebnis. Von der einst in Teilen durchaus gemäßigten Bewegung, die eine Reaktion war auf eine CDU, welche sich um den konservativen Flügel nicht mehr kümmern wollte, ist in diesem Wahlkampf so gut wie nichts mehr übrig geblieben. Ihre Spitzenpolitiker überbieten einander mit radikalen, revisionistischen und rassistischen Provokationen. Die AfD hätte, wenn sie die größte Oppositionspartei werden sollte, traditionell das Anrecht auf den Vorsitz des Haushaltsauschusses und durch ihren Einzug in den Bundestag eine ganz andere Resonanz, von der finanziellen Ausstattung ganz zu schweigen.

Wer AfD wählt, ist nach wie vor nicht zwangsläufig ein Rechtsradikaler, aber er tut es in Kenntnis oder mit Sympathie für diese Radikalisierung und für Kandidaten, deren persönliche und politische Biografien bei keiner anderen Partei oder bürgerlichen Organisation akzeptabel wären.

Für diesen drohenden Erfolg machen Stimmen aus anderen Parteien, insbesondere von links, auch die Medien verantwortlich – und vor allem das TV-Duell zwischen Angela Merkel und Martin Schulz. In dieser Sendung sei über einen längeren Zeitraum die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung kritisch hinterfragt worden, das habe das Thema erst wieder groß werden und die AfD in den Umfragen noch zulegen lassen. Hinter vorgehaltener Hand sagen Politikberater sogar, es sei ein Fehler gewesen, dass Merkel an Orte gereist ist, wo laute Proteste zu erwarten waren. Das habe ihren Gegnern die Bühne bereitet.

Eine so bizarre Verdrehung von Ursache und Wirkung hat man selten gehört. Man kann dem Format des Duells wirklich viel anlasten und für die ausrichtenden Fernsehanstalten nur hoffen, dass sie beim nächsten Mal genug Mumm besitzen, sich die Bedingungen der wichtigsten politischen Auseinandersetzung vor der Wahl nicht mehr diktieren zu lassen. Aber die Fragen zur Flüchtlingspolitik für das Problem zu halten und nicht die offenbar für viele Zuschauer zu dürftigen Antworten, ist ein Beleg dafür, dass es viele Politiker immer noch nicht verstanden haben: dass nämlich der Zuzug der Flüchtlinge, die beschwichtigenden Parolen der Bundesregierung, die Schwierigkeiten und die Kosten der Integration sowie die Angst vor mehr Kriminalität und Terror Millionen von Menschen beschäftigen. Diese Politiker hatten sich bis wenige Wochen vor der Wahl der falschen Hoffnung hingegeben, dass man die Rechten klein halten kann, wenn man nur nicht über dieses Thema redet.

Nun bleibt es richtig: Die Mehrheit der Deutschen hat immer noch "Maß und Mitte" – um eine Formel der Kanzlerin zu gebrauchen, die wirklich nicht nur für die Union gilt. Sie finden die Brüller auf den Marktplätzen und die Hetzparolen der AfD abscheulich. Sie fühlen sich in diesem Land aus gutem Grund wohl. Aber nichts wäre verkehrter, als wenn man sich nach der Wahl wieder auf die Schulter klopfte und sich damit beruhigte, dass mehr als 80 Prozent eben nicht AfD gewählt hätten. Das hieße nämlich, sich mit einer andauernden Spaltung der Gesellschaft abzufinden. Es geht nicht nur um die AfD. Es geht um Millionen Wähler, die sich bis zuletzt mit der Entscheidung quälen, trotz des in diesem Jahr so vielfältigen Angebots. Völlig verdrängt wird auch, dass wahrscheinlich erneut etwa 30 Prozent der Wahlberechtigten gar kein Kreuz machen werden. Diese Nichtwähler kann man nicht automatisch den Rechten zuschlagen, aber es wäre Selbstbetrug, anzunehmen, sie blieben aus Begeisterung für die Arbeit der etablierten Parteien zu Hause. Vor diesem Hintergrund würde selbst ein Wahlergebnis von fast 40 Prozent für die Union keinen überwältigenden Vertrauensbeweis einer großen Mehrheit der Deutschen darstellen. Das alles geschieht in Zeiten erheblicher wirtschaftlicher Erfolge und sprudelnder Steuereinnahmen. Wie groß wäre das Potenzial für eine rechtsradikale Partei oder an Nichtwählern eigentlich, wenn wir in Deutschland wie um die Jahrtausendwende wieder mit fast fünf Millionen Arbeitslosen zu kämpfen hätten?

Eine weitere Zäsur wäre – falls die Meinungsforscher nicht ein anderes Volk befragt haben – das voraussichtlich schlechte Abschneiden der Sozialdemokraten. Die Frage, ob Deutschland schon reif ist für einen Mann als Kanzler, ist ein guter Witz – mit einem ziemlich wahren Kern. So stark scheint die Position von Angela Merkel zu sein, so überlegen ihr Format, dass vermutlich auch kein anderer Kandidat bei der Bundestagswahl am Sonntag eine Chance gegen sie gehabt hätte. Aber Angela Merkel ist nicht an allem schuld. Gebetene und ungebetene Berater versuchen der SPD einzureden, sie müsste nur weiter nach links rücken, dann kämen auch die Wähler zurück. Mal abgesehen davon, dass es links von der SPD bereits eine Linke gibt, die ziemlich stabil ist, und dass die Mehrheit der Deutschen partout kein rot-rotes oder rot-rot-grünes Bündnis will, was Martin Schulz bereits schmerzhaft im Saarland erfahren musste, wo sein Stern zu sinken begann: SPD-Kanzlerkandidaten sind dann erfolgreich, wenn auch viele Unionsanhänger sie überzeugend finden.