Lachs aus Kanada hat ein gutes Image. Majestätische Fische, die glasklare Flüsse hinaufschwimmen und manchmal, wenn es dumm läuft, sogar den wilden Bären direkt ins Maul springen – mit diesem Bild werben die Kanadier gern. Mit Natur pur.

Die Lachse von Aquabounty leben anders. Auch sie kommen aus Kanada, von der Prince-Edward-Insel, wachsen allerdings in einem Wassertank auf. Ihr Eigentümer preist das Fleisch seiner geschützten Marke AquAdvantage Salmon als wohlschmeckend und zart. Außerdem seien diese Tiere eine gute Antwort auf die große Nachfrage nach Fisch. Immerhin wüchsen sie doppelt so schnell wie ihre Verwandten, statt nach drei Jahren könnten sie schon nach eineinhalb gegessen werden. Dank der Veränderung eines Gens.

Bisher musste genmanipulierter Lachs aus Kanada die deutschen Verbraucher nicht interessieren. Doch von diesem Donnerstag an ist das anders: Nun gilt das europäisch-kanadische Handelsabkommen Ceta. "Damit wächst die Gefahr, dass Genlachs in Deutschland verkauft wird", warnt Christoph von Lieven von der Umweltschutzorganisation Greenpeace.

Noch wird das Ceta nur "vorläufig" in Kraft treten. Denn noch haben längst nicht alle nationalen Parlamente dem Vertrag zugestimmt, auch Bundestag und Bundesrat nicht. Deswegen bleibt beispielsweise der umstrittene Schutz für ausländische Investoren außer Kraft. Doch die meisten Exporte und Importe von Waren aus und nach Kanada werden bereits jetzt enorm erleichtert. "Durch Ceta fallen 98 Prozent der Zölle für Fisch weg", schwärmt das kanadische Handelsministerium. Aber Ceta senkt nicht nur Zölle. Es beseitigt auch viele sogenannte nichttarifäre Handelshemmnisse, macht beispielsweise die Sicherheitssiegel für Maschinen oder Spielzeug übertragbar. Das ist für die Industrie ein Segen, für die Verbraucher aber oft unübersichtlich. Denn Standards könnten so abgeschwächt werden – und neue Grauzonen entstehen. Darum fürchteten sich viele Europäer vor den amerikanischen Chlorhühnchen, als das schließlich gescheiterte Freihandelsabkommen TTIP mit den USA ausgehandelt wurde. Statt US-amerikanischen Huhns könnte nun kanadischer Lachs zum Streitfall werden.

Denn im Umgang mit genetisch veränderten Tieren agieren Kanada und Europa grundverschieden. In der EU werden gentechnisch veränderte Tiere bisher nicht zum Verzehr zugelassen, Pflanzen müssen gekennzeichnet werden. Sollte jemand also offiziell AquAdvantage Salmon hier verkaufen wollen, müsste er sich um eine Zulassung bemühen – derzeit mit wenig Aussicht auf Erfolg. Zu groß ist in Europa die Sorge, dass sich die Folgen der Genmanipulation nicht kontrollieren lassen.

In Kanada hingegen wurde der genetisch veränderte Lachs im Mai 2016 nicht nur von der Gesundheitsbehörde als Nahrungsmittel zugelassen. Er darf sogar ohne Kennzeichnung verkauft werden. Und das Produkt muss nicht bis zu seinem Ursprung zurückverfolgbar sein. Genau das wird den Europäern künftig Schwierigkeiten machen: Wie will man so erkennen, ob ein kanadischer Lachs gentechnisch verändert ist oder nicht?

Zwar gibt es in der EU offiziell eine Kennzeichnungspflicht für Lebensmittel, auch für die aus anderen Ländern. Aber die hat Lücken. So hat der Verbraucher laut EU-Ursprungsverordnung zwar das Recht, zu erfahren, wo beispielsweise frisch zerlegtes Fleisch herkommt. Aber schon bei verarbeiteten Produkten gilt das nicht mehr uneingeschränkt. Oft ist nicht mehr nachvollziehbar, wo die einzelnen Zutaten, zum Beispiel einer Pizza, herkommen. Oder es steht dann nur der Exporteur oder "Canada" drauf. Wer das liest, denkt wohl eher an die sauberen Flüsse und nicht an genmanipulierte Lachse.

Greenpeace hat die Folgen des unterschiedlichen Umgangs von Europäern und Kanadiern mit der Landwirtschaft und den Nahrungsmitteln erforscht. Das Fazit der bisher unveröffentlichten Studien der Organisation, die der ZEIT vorliegen: Kanada habe deutlich "schwächere Standards im Bereich Lebensmittelsicherheit und Agrarwirtschaft" und setze "sehr viel stärker auf den Einsatz von Chemikalien und gentechnisch veränderten Organismen". Und das wiederum werde von der Industrie bewusst genutzt, um auch anderswo die Standards zu drücken.

Schneller Überblick: Die wichtigsten Freihandelsabkommen

TTIP

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  • 44 % des Welthandels
  • 45 % des globalen BIP
  • 820 Mio. Menschen

Seit dem Jahr 2013 verhandelt die EU-Kommission mit der US-Regierung über ein Transatlantisches Freihandelsabkommen TTIP (Transatlantic Trade and Investment Partnership). Damit sollen Handelshemmnisse abgebaut werden. Gegner kritisieren, dass die Verhandlungen intransparent geführt würden und viele geplante Regelungen problematisch seien.

CETA

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  • 39 % des Welthandels
  • 25 % des globalen BIP
  • 535 Mio. Menschen

Das Freihandelsabkommen Ceta (Comprehensive Economic and Trade Agreement) der EU mit Kanada ist ausverhandelt. Die 28 EU-Staaten haben den umstrittenen Vertrag einstimmig beschlossen. Er tritt endgültig in Kraft, wenn alle Länderparlamente Ceta ratifizieren.

TPP

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  • 26 % des Welthandels
  • 40 % des globalen BIP
  • 800 Mio. Menschen

Das Freihandelsabkommen TPP (Trans-Pacific Partnership) wurde im Februar 2016 von den zwölf Ländern unterzeichnet. Der Pakt galt Kommentatoren als Verlagerung des Mittelpunkts der modernen Welt vom Atlantik in den Pazifik, weil es das erste große und damit maßgebliche Freihandelsabkommen der Welt werden sollte. US-Präsident Donald Trump hat Mitte Januar 2017 entschieden, aus dem Abkommen auszusteigen. Die Zukunft von TPP ist damit ungewiss.

RCEP

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  • 24 % des Welthandels
  • 28 % des globalen BIP
  • 3 Mrd. Menschen

Die RCEP (Regional Comprehensive Economic Partnership) soll ein Freihandelsabkommen zwischen den ASEAN-Staaten und den sechs Pazifik-Ländern werden, mit denen der Verbund südostasiatischer Staaten bereits entsprechende Verträge geschlossen hatte. Der Grad der Integration soll geringer sein, als es zum Beispiel bei TTIP geplant ist. Vereinbart werden sollen Zollabbau, freier Wettbewerb, Schutz von geistigem Eigentum, wirtschaftliche und technische Zusammenarbeit sowie Streitschlichtung. Die EU und die USA verhandeln nicht mit, könnten aber beitreten.

NAFTA

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  • 16 % des Welthandels
  • 25 % des globalen BIP
  • 465 Mio. Menschen

Die Freihandelszone North American Free Trade Agreement (Nafta) ist 1994 in Kraft getreten. Das Abkommen sieht Zollerleichterungen und die Öffnung einiger Märkte wie Finanzen und Energie vor und hat zwei Seitenabkommen zu Arbeitsrechten und Umweltschutz. In Mexiko wird unter anderem kritisiert, dass landwirtschaftliche Produkte aus den USA das Land überschwemmten – in den USA heißt es, dass sich Industrieproduktion in das Nachbarland verlagere.

Wenn es ernst wird, dann reden wir mal drüber

Mittlerweile sei Kanada der weltweit fünftgrößte Produzent von gentechnisch veränderten Nahrungsmitteln. Genveränderter Raps sei inzwischen derart verbreitet, dass dessen Spuren selbst in Honig, der angeblich frei von Erbgutveränderung ist, nachzuweisen seien. In der EU hingegen sei, so Greenpeace, lediglich eine gentechnisch veränderte Nutzpflanze, eine Maissorte, zum Anbau zugelassen. Die werde nur in zu vernachlässigenden Mengen in Spanien und Portugal angebaut.

Schon in der Vergangenheit hatten die unterschiedlichen Sensibilitäten zu Streit zwischen der kanadischen Regierung und der EU geführt. 2009 hatte Kanada die EU vor der Welthandelsorganisation WTO verklagt, weil die Europäer damals keine genveränderten Produkte aus Kanada auf ihren Markt lassen wollten. Man einigte sich schließlich außergerichtlich. Doch richtig geklärt wurde die Sache nicht. Kanada durfte einfach mehr Lebensmittel anderer Art in die EU exportieren. Und man vereinbarte, dass man künftig über Streitfragen der Biotechnologie zweimal im Jahr diskutieren werde.

Genauso ungeklärt ist die Sache bis heute noch. Denn auch der Ceta-Vertrag wäre im Falle eines Streits über die Gentechnik ziemlich schwammig. Im Artikel 25.2 wird auf den "Dialog über den Zugang zu biotechnologischen Märkten" verwiesen. Im Klartext heißt das: Wenn es ernst wird, dann reden wir mal drüber.

Gut möglich, dass das schon bald nötig sein wird. Greenpeace hat verschiedene Vertreter des deutschen Einzelhandels zum Umgang mit dem umstrittenen Fisch befragt. Deren Antworten sind sich ziemlich ähnlich.

Man orientiere sich in der Sortimentspolitik an den Kunden, die "mehrheitlich keine gentechnisch veränderten Lebensmittel wünschen", schreibt beispielsweise der Bundesverband des Deutschen Lebensmittelhandels. Entsprechend biete man "keine kennzeichnungspflichtigen gentechnisch veränderten Produkte an" und plane dies "auch nicht für die Zukunft". Die Deutsche See GmbH schreibt: "Wir haben besagten Genlachs weder gekauft, verarbeitet oder sonst etwas damit gemacht und haben dies auch nicht vor. Wir lehnen solche Herstellungspraktiken generell strikt ab."

Was aber, wenn der Lachs durch einen Importeur trotzdem in Deutschlands Kühltheken auftaucht? Helmut Tschiersky, der Präsident des Bundesamts für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit, hält das durchaus für möglich. Zwar gebe es "seit Jahrzehnten umfangreiche amtliche Kontrollen". Doch "trotz dieser Maßnahmen" könne nicht "zu 100 Prozent ausgeschlossen werden, dass geringe Mengen von nicht zugelassenem genveränderten Lachs auf den Markt gelangen".

Bleiben zwei Möglichkeiten: Entweder der kanadische Lachs hat bald ein Image-Problem – weil niemand ganz sicher weiß, ob der aus dem Tank oder aus dem Fluss kommt –, oder die Kanadier denken um und kennzeichnen. Dafür aber gibt es bisher keine Anzeichen.