Christian Staas: Sieben Kanzler und eine Kanzlerin hatte die Bundesrepublik bisher. Stoff für Geschichtsbücher. Mit ihren Namen verknüpfen sich aber auch Lebenserinnerungen. Deutschland, deine Kanzler haben wir die Serie genannt, die mit unserem Gespräch ausklingt. Ted, Sie haben sie alle miterlebt. Welcher war Ihr Kanzler?

Theo Sommer: Eindeutig Helmut Schmidt, den ich früh kennenlernte, Anfang der sechziger Jahre, da war er gerade Innensenator in Hamburg geworden. Bis zu seinem Tod hat uns eine hanseatisch-distanzierte Freundschaft verbunden, kritisch in beide Richtungen .

Staas: Schmidt aber kann kaum der Kanzler gewesen sein, der Ihr politisches Interesse geweckt hat.

Sommer: Nein, das war Konrad Adenauer. Ich habe 1953 das erste Mal wählen dürfen, das zweite Mal 1957. Ich habe beide Male Adenauer gewählt. 1953 war der 17. Juni, der Aufstand in der DDR, in der "Zone", wie wir damals sagten. Und 1957, das war ein Jahr nach dem Ungarn-Aufstand. Adenauer stand für die Westbindung, für die Nato, die ja 1955 auch unser Auffanglager wurde. Dann kam der Mauerbau, 1961, und Adenauer war ratlos. Von da an war ich gegen ihn. Ich war aber anders als der ZEIT-Verleger Gerd Bucerius nicht für die Kanzlerschaft Ludwig Erhards.

Elisabeth von Thadden: Warum? Erhard hat die politisch eingehegte Marktwirtschaft in der Bundesrepublik etabliert. Ein Ordoliberaler mit Zigarre und einem leisen Anflug angelsächsischer Freiheit wider den knorrigen deutschen Etatismus!

Sommer: Wir fanden, der hat nicht das, was es braucht. Marion Dönhoff, die das Politikressort leitete, und ich, wir waren beide Außenpolitiker. Das war für uns das entscheidende Kriterium. Für das Wirtschaftswunder gaben wir Erhard ja Kredit, aber wir hatten nicht das Gefühl, dass er darüber hinaus ein ausreichend breites Spektrum hatte.

Norbert Frei: Völlig zu Recht, wie sich zeigte.

Thadden: Aber zu seinem Bild gehört auch, dass dieser Mann ein wenig Modernität ausstrahlte: Dass er es war, der den berühmten Bonner Kanzlerbungalow errichten ließ, hat doch Symbolkraft, während Adenauer buchstäblich im 19. Jahrhundert zu Hause war. Und dann Erhards Haltung zum Vietnamkrieg. Wir rechnen es Gerhard Schröder heute als eine seiner größten Leistungen an, dass er Deutschland 2003 aus dem Irakkrieg herausgehalten hat. Dass Erhard dem US-Präsidenten Lyndon B. Johnson Ende 1965 eine Absage erteilte, um sein Land aus dem Vietnamkrieg herauszuhalten, ist fast vergessen.

Staas: Und sprach nicht umgekehrt auch einiges gegen Adenauer, Ted? Klar, er hat die Westbindung durchgesetzt. Aber kulturell und in seinen gesellschaftlichen Ideen war er doch alles andere als modern. Wie haben Sie ihn erlebt?

Sommer: Was mich beeindruckt hat, war seine Konsequenz.

Frei: Die Konsequenz, mit der er seine Politik der Westbindung betrieben hat, beeindruckt auch mich als Historiker. Er stand damit ja ziemlich allein auf weiter Flur und hatte auch seine Koalition nur in Teilen auf seiner Seite. Die deutsche Sozialdemokratie schon gar nicht. Es brauchte Selbstbewusstsein, das Richtige "against all odds" zu tun. Ich finde interessant, dass dieser alte, aus Weimarer Zeiten hinübergekommene Kanzler für Sie, die damals junge Generation, anschlussfähig war.

Sommer: Uns war schlicht und ergreifend die Sicherheit wichtiger als die Möglichkeit der Wiedervereinigung. Wir fühlten uns bedroht. Wir hatten 1948/49 die Berlinkrise erlebt, dann begann 1950 der Koreakrieg. Die SPD dagegen glaubte, wenn man auf die Westbindung verzichte, dann werde die Wiedervereinigung kommen.

Staas: Nach 1990 setzte ja eine generelle Neubewertung der Adenauer-Ära ein. Historiker gingen dazu über, sie als Teil der Liberalisierungsgeschichte Westdeutschlands zu begreifen – nicht nur als Epoche der Restauration. Damit wurde, zu Recht, der Mythos entzaubert, erst durch die 68er sei die Republik freier geworden. Aber es kommt mir vor, als sei das Pendel zu weit in die Gegenrichtung geschwungen. Adenauers autoritäre Züge sind zur Fußnote geschrumpft. Das finde ich falsch. Es gibt eben auch den Adenauer, der 1959 mit einer Art Präsidialsystem geliebäugelt hat. Und der sämtliche Ex-Nazis, die unter der alliierten Besatzung vor 1949 aus dem öffentlichen Leben gedrängt worden waren, zurück in den Staatsapparat holte.

Sommer: Globke muss man erwähnen. Den zum Kanzleramtschef zu machen, einen Verfasser des Kommentars zu den Nürnberger Rassegesetzen, das war schon fürchterlich. Aber ich finde es nicht richtig, Adenauer als autoritär zu bezeichnen. Er hat autoritäre Anwandlungen gehabt wie jeder, der Macht hat. Aber er wollte keinen autoritären Staat.

Frei: Die Neubewertung Adenauers nach 1989/90 war überfällig. Wie anders wäre diese Bundesrepublik aufs Gleis gesetzt worden, wenn nicht dieser Glücksfall Adenauer eingetreten wäre! Was wäre die Alternative gewesen? Kurt Schumacher, der ausgesprochen national argumentierende SPD-Vorsitzende? Was die ehemaligen Nazis angeht, agierte der einst von den Nazis abgesetzte und selbst verfolgte Adenauer übrigens in vielem äußerst rational: Anfang 1953 nehmen die Briten den sogenannten Gauleiterkreis fest – eine Gruppe von Nationalsozialisten, die versucht hat, die FDP zu unterwandern. Die Volksseele tobt über die Souveränitätsverletzung, und selbst im Bundeskabinett: jede Menge nationalistisches Ressentiment! Der Einzige, der den Mund hält und genau weiß, dass er nur davon profitieren kann, ist Adenauer.

Sommer: Adenauer hat früh ehemalige NSDAP-Parteigenossen als Mitglieder für seine Partei geworben. Das hat Schumacher allerdings ebenfalls getan.

Frei: Sogar noch expliziter. Aber was sollte man machen? Eugen Kogon hat schon sehr früh gesagt: Man kann die ehemaligen Nazis entweder totschießen oder für die Demokratie gewinnen – wohl wissend, dass man sie eben nicht totschießen kann.