Eldorado: Der Name klingt bis heute nach Geheimnis, Fantasterei und Verheißung. Als die spanischen Konquistadoren vor 500 Jahren in die Neue Welt auszogen, mit nichts als kindlichen Märchen von ungeheuren Schätzen im Gepäck, passierte das Unwahrscheinlichste: Sie fanden sie wirklich. Hundert von ihnen reichten aus, Armeen von Zehntausenden zu schlagen und einen ganzen Kontinent zu unterwerfen. Wer mochte glauben, dass ein gefangener König als Lösegeld einen großen Raum mit Gold füllte, so hoch, wie seine ausgestreckten Arme reichten? Aber genau das geschah, als Atahualpa, Herrscher der Inka, Pizarro unterlag.

Nur Eldorado entzog sich beharrlich, die Stadt, die ganz und gar, mit ihren Gerätschaften, Mauern und Straßen, aus Gold bestand, weit mehr Gold, als selbst Atahualpa besaß. Noch als Peru schon lange unter spanischer Herrschaft stand, machten sich immer wieder Abenteurer auf, die in den unzugänglichen Bergketten und Urwäldern des riesigen Landes danach suchten, Besessene, die darüber verrückt wurden oder auf ihren Irrfahrten zugrunde gingen.

Sabrina Janesch, 1983 geboren und selbst eine süchtige Reisende, hat sich das Schicksal eines von ihnen ausgewählt, um daraus einen Roman zu machen. Rudolph August Berns heißt er, kommt 1842 in Uerdingen am Rhein zur Welt, seine Eltern betreiben ein Wein- und Spirituosengeschäft, ziehen später auf Initiative des Vaters, in dem schon viel von des Sohnes ruheloser Seele steckt, nach Berlin, und als der Vater stirbt, kehrt die Familie ins Rheinland zurück, wo August unter den strengen Augen des ungeliebten Stiefvaters eine Fabrikausbildung zum Schlosser durchmacht. Doch er lässt nicht ab von dem Traum, den seine manische Lektüre in ihm geweckt hat: die verschollene Goldstadt zu finden. Einmal, in Berlin, gelingt es ihm durch einen tollkühn inszenierten Zufall, den schon vom Tod gezeichneten Alexander von Humboldt in ein Gespräch zu verwickeln; Humboldt gibt sich Mühe, dem siebzig Jahre Jüngeren die Flausen auszureden – vergebens.

Berns heuert als Matrose an und macht sich auf den Weg ums Kap Hoorn an die peruanische Küste, wo er völlig mittellos an Land geht. Er ist dreist, das Glück ist ihm hold, schon bald steht er als Offizier in peruanischen Diensten und hilft durch seine metallurgischen Kenntnisse, die peruanische Artillerie auf Vordermann zu bringen. Als die Spanier 1864 die Küstenfestung Callao bestürmen, zeichnet er sich durch Kühnheit aus und wird hoch geehrt. Ob er einen Wunsch habe, fragt ihn der Staatspräsident. Oh ja! Er möchte als Ingenieur beim Bau der neuen Eisenbahn in die Anden mitwirken. Dabei hat er Gelegenheit, das Terrain zu vermessen.

So kommt er seinem aberwitzigen Ziel Stück für Stück näher. Augusto, wie er inzwischen heißt, gerät, wie bei dem Kinderspiel "Warm – wärmer – heiß!", schließlich in die entlegene Sierra Vilcabamba und an eine Schlinge des Rio Urubamba, wohin anscheinend noch nie ein Weißer gekommen ist. Dort liegt Machu Picchu, die mächtigste der Inka-Zitadellen. Er wird zu ihrem ersten Entdecker, wenngleich er die Entdeckung nicht beweisen und verwerten kann. (Das bleibt, 35 Jahre später, dem wohlhabenden und gut vernetzten US-Gelehrten Hiram Bingham III vorbehalten.)

Nicht nur Augusto Berns, auch Sabrina Janesch hat einen wahren Quest absolviert, um ihres Gegenstands habhaft zu werden. Ihr ging es mit Berns wie diesem mit Eldorado: Als sie von ihm las, war sie hin und weg und verbrachte die nächsten Jahre mit ungeheuer zäher Recherche-Arbeit, worüber sie in einer Vorrede ausführlich Bericht erstattet. Das Ergebnis blieb lückenhaft, aber es genügte als Kristallisationskern des Romans. Dass die Autorin selbst in Peru war, macht das Buch anschaulich – auch wenn man sich fragt, ob der wilde Teakbaum, der bei Berns’ wirtschaftlichen Plänen später eine gewisse Rolle spielt, hier wirklich vorkommt oder doch eher im südlichen Asien.

Historische Romane gehen fast immer schief. Die Gründe liegen auf der Hand. Die Differenz der Zeiten tritt wie ein Abgrund zwischen Thema und Gestaltung, und darüber helfen weder die handfeste Vergegenwärtigung noch die beflissene Altertümelei hinweg. An den Dialogen lässt sich das Dilemma meist am besten ablesen: Reden die Personen so wie wir Heutigen, verflüchtigt sich die Patina; sprechen sie aber ein konstruiertes Altfränkisch (wohin des Wegs, o Pilgrim?), klingt es gestelzt und unglaubwürdig.