Reiche Länder mit niedriger Geburtenrate und deshalb langfristig schrumpfender Arbeitsbevölkerung sind auf Masseneinwanderung angewiesen. Kurz bevor die Regierung Merkel im September 2015 monatelang die deutschen Grenzen öffnete, hatte Prognos eine Studie veröffentlicht, der zufolge Deutschland bis 2040 eine jährliche Netto-Einwanderung von einer halben Million Personen benötigte, nur um das nationale Arbeitsangebot konstant zu halten. Ein Jahr davor hatte eine umfangreiche Evaluation der deutschen Familienpolitik ergeben, dass der deutsche Staat pro Jahr etwa 200 Milliarden Euro für familienbezogene Programme ausgibt, weit mehr als vergleichbare Länder, ohne dass dies die Lücke zwischen Geburtenrate und Bevölkerungsersatzrate auch nur annähernd geschlossen hätte.

Einwanderungspolitik berührt fundamentale moralische Fragen, weil sie immer auch Bevölkerungspolitik ist. Dies macht sie zum Instrumentarium dessen, was Michel Foucault als "Biopolitik" bezeichnet und unter einen allgemeinen Rassismusverdacht gestellt hat. Wer Bevölkerungs- als Einwanderungspolitik betreibt, macht die Zusammensetzung der nationalen Bevölkerung zum Gegenstand politischer Entscheidungen, statt sie "natürlich" geschehen zu lassen. Damit gerät Politik unvermeidlich in die Nähe kultureller, ethnischer oder rassischer Eugenik, nachdem medizinische Eugenik als bevölkerungspolitisches Gestaltungsinstrument spätestens in den 1960er Jahren außer Gebrauch geraten ist.

Ein Weg, Debatten über die Notwendigkeit von Einwanderung ("Inder statt Kinder") und den unterschiedlichen wirtschaftlichen Wert verschiedener Einwanderergruppen zu vermeiden, besteht darin, Einwanderung, wie 2015 in Deutschland, als politisch ebenso unbeeinflussbar erscheinen zu lassen wie die Geburtenzahl. Tatsächlich aber können Länder mit niedriger Fertilität, die für ihr Wirtschaftswachstum auf Einwanderung angewiesen sind, nicht nicht entscheiden, und in der Tat gelingt die Entpolitisierung des Themas immer weniger. Die Alternative wäre ein Einwanderungsgesetz. Was da ungefähr verlangt würde, lässt sich am Beispiel des Einwanderungsregimes der USA erahnen.

Dieses unterscheidet eine Vielzahl von Einwandererkategorien nach Kontinenten, Heimatländern und Ausbildungsniveaus. Um ethnische Diskriminierung auszuschließen, dürfen auf keine einzelne Nationalität mehr als sieben Prozent der in einem Jahr ausgegebenen rund 850.000 Visa entfallen (die USA haben etwa viermal so viele Einwohner wie Deutschland). Zusätzlich zu Familienmitgliedern (die überwiegende Mehrzahl der Einwanderer), qualifizierten Arbeitnehmern, Flüchtlingen (mit 85.000 pro Jahr als Obergrenze) und Asylsuchenden (etwa 24.000 pro Jahr) werden jährlich 55.000 Diversity Visa per Lotterie vergeben. Teilnehmen darf, wer mindestens ein Abschlusszeugnis auf Highschool-Niveau nachweisen kann und nicht aus einem Land kommt, aus dem in den letzten fünf Jahren mehr als 50.000 Personen eingewandert sind. Ein entsprechendes deutsches Gesetz würde wohl noch komplizierter ausfallen müssen, weil es nicht nur in die deutsche Innenpolitik, sondern auch in einen europäischen Regulierungsrahmen passen müsste.

Egal bei welcher Rechtslage, biopolitische Erwägungen sind in jeder Einwanderungspolitik machtvoll präsent. In Thilo Sarrazins Buch Deutschland schafft sich ab fließen rassistische und ökonomistische Motive in einem naturalistischen IQ-Fetischismus zusammen, wenn befürchtet wird, dass muslimische Immigranten mit ihrer Kombination von niedrigerer Intelligenz und höherer Fruchtbarkeit den durchschnittlichen Intelligenzquotienten der Wohnbevölkerung drücken und damit die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Volkswirtschaft beeinträchtigen könnten. (Ähnlich immer wieder der Bremer Demograf Gunnar Heinsohn, der Deutschland mittels Einwanderungspolitik von einer Zuflucht für Analphabeten zur "Kompetenzfestung" der "Könner" umbauen möchte.) Teilweise liege dies an der weitverbreiteten "Inzucht" in türkischen Familienclans, die auch Ursache des häufigen Schulversagens sei. To make Germany great again, bedürfe es einer aggressiveren Familienpolitik, einschließlich einer Mutterschaftsprämie von 50.000 Euro für Frauen, die durch höhere Fruchtbarkeit zur "Verbesserung der sozioökonomischen Qualität der Geburtenstruktur" beitrügen, also Frauen mit akademischem Grad und einem ersten Kind vor ihrem 30. Geburtstag. In umgekehrter Stoßrichtung warnte Finanzminister Schäuble im Juni 2016, dass Abschottung "uns in Inzucht degenerieren lassen" würde: "Schauen Sie sich doch mal die dritte Generation der Türken an, gerade auch die Frauen! Das ist doch ein enormes innovatorisches Potenzial!"