DIE ZEIT: Herr Schürmann, drei Monate Elternzeit als Führungskraft in der Testosteron-getriebenen Beraterbranche. Wie kamen Sie auf diese Idee?

Just Schürmann: Ich empfinde die Branche nicht als Testosteron-getrieben. Da gibt es ganz andere Branchen. Bei uns in der Boston Consulting Group ist es ganz normal, dass nicht nur die Mütter, sondern auch die Väter Elternzeit nehmen.

ZEIT: Wirklich? Berater arbeiten doch von Montagmorgen bis Freitagabend durch, fliegen von Projekt zu Projekt und steigen nach fünf oder sechs Jahren ziemlich fertig aus.

Schürmann: Ich würde es so formulieren: Der Job ist anspruchsvoll. Unsere Kunden wollen, dass wir für sie Probleme lösen, die nicht alltäglich sind, etwa neue Geschäftsfelder erschließen. Zusätzlich reist man viel. An diese fehlende Planbarkeit unter der Woche muss man sich gewöhnen und den Alltag drum herum organisieren.

ZEIT: Klingt nicht gerade familienfreundlich.

Schürmann: Viele meiner Kollegen haben gelernt, den Job so zu gestalten, dass er einen nicht fertigmacht. Ich wollte zum Beispiel unbedingt auch Zeit mit meinen beiden Töchtern verbringen.

ZEIT: Davor haben Sie eine ziemlich steile Karriere hingelegt, haben in München und Madrid gearbeitet und leiten jetzt als Senior-Partner ein Team von 30 Mitarbeitern im Bereich Marketing. Kann man da wirklich ohne Widerstände in Elternzeit gehen?

Schürmann: Wir pflegen zwar intensive Kundenbeziehungen, aber jedes Projekt hat einen Anfang und ein Ende. Und eine Geburt ist in der Regel sehr gut vorhersehbar. Dann ist es keine Schwierigkeit, mal drei Monate weg zu sein.

ZEIT: Und da kriegt man nur positive Reaktionen?

Schürmann: Bei mir war das so, ja.

ZEIT: Im Väterreport steht, dass ein Fünftel der Väter darauf verzichten, Elternzeit zu nehmen, weil sie Angst um ihre Karriere haben.

Schürmann: Das kann ich nicht nachvollziehen. Nicht bei drei Monaten. Ich finde, das ist kein allzu langer Zeitraum.

ZEIT: Nachteilige Auswirkungen der Vaterzeit auf die Karriere gibt es tatsächlich nicht. Im Gegensatz zur Teilzeit – die haben Sie auch gemacht.

Schürmann: Ja. Nach der Elternzeit habe ich jeweils wieder Vollzeit gearbeitet. Als meine zweite Tochter drei war, bin ich dann aber in Teilzeit gegangen, für viereinhalb Jahre. Und ich wurde während meiner Teilzeit zum Senior-Partner befördert. Das hatte Signalwirkung in der Firma.

ZEIT: Wie sah denn Ihre Teilzeit aus?

Schürmann: Ich habe 80 Prozent gearbeitet, vier Tage die Woche, am Montag war ich zu Hause. Meine Frau hatte sich damals selbstständig gemacht als Coach. Sie hat Termine angeboten, während ich die Kinder in Kindergarten und Schule gebracht und abgeholt habe. Ich habe gekocht, geputzt, Reparaturen erledigt.

ZEIT: Und die Arbeit in der Firma blieb liegen?

Schürmann: Meine Frau war zum Glück so flexibel, dass ich ab und zu mal einen Tag tauschen konnte, etwa wenn ich unbedingt in eine Vorstandssitzung musste. Dadurch konnte ich normal weiterarbeiten. Ich betreute statt fünf oder sechs Projekten natürlich nur drei oder vier. Nach viereinhalb Jahren bin ich dann wieder auf hundert Prozent gegangen.

ZEIT: Wieso?

Schürmann: Ich habe die europaweite Verantwortung für mein Team übernommen, und das war eine Aufgabe, die wollte ich wirklich. Hätte ich es auch anders regeln können? Ja. Aber ich wollte es eben so machen.

ZEIT: Und wie finden das Ihre Töchter?

Schürmann: Die haben das nicht als großen Einschnitt empfunden. Ganz ehrlich. Auch, weil ich in der Teilzeit eine wichtige Sache gelernt habe: Arbeitszeitmanagement und Disziplin. Ich bin jetzt mehr für meine Familie da als vor der Elternzeit. Ich arbeite effektiver. Wenn es darum geht, am Nachmittag bei einer Choraufführung zu sein oder ein Sommerfest zu betreuen, nehme ich mir die Zeit.

ZEIT: Was haben Sie sich schwieriger vorgestellt in Ihren Auszeiten?

Schürmann: Bei der Teilzeit hatte ich mir die Kommunikation mit Kunden schwieriger vorgestellt. Dass es Probleme gibt, wenn ich sage: Am Montag kann ich nicht. Aber das hat einige Kundenbeziehungen sogar intensiviert. Plötzlich wurde diese sachliche Arbeitsbeziehung etwas menschlicher.

ZEIT: Und was haben Sie sich leichter vorgestellt?

Schürmann: Die Komplexität von zwei Jobs gleichzeitig. Auch an Montagen kamen E-Mails rein, während ich mit den Kindern Lego-Steine zusammensteckte. Ich hatte oft das Gefühl: Ich bin nicht so konzentriert bei den Kindern, wie ich es gern wäre, und erledige meine Aufgaben bei der Arbeit nicht so perfekt, wie ich es gern täte. Meine Frau sagte nur: "Tja, willkommen in meinem Alltag."