So deutlich wird die Bundeskanzlerin selten. "Wir werden Wege finden, wie wir bis 2020 unser 40-Prozent-Ziel einhalten. Das verspreche ich Ihnen!", sagte sie in der ZDF-Sendung Klartext.

Dieses Bekenntnis zum Klimaschutz hat es in sich. Denn nach heutigem Stand wird Merkel nicht Wort halten. Obwohl das ohne Weiteres möglich wäre. Aber der Reihe nach.

Das 40-Prozent-Ziel bedeutet konkret, dass die deutschen CO₂-Emissionen bis 2020 im Vergleich zu 1990 um 40 Prozent sinken sollen. In den folgenden Jahren soll es dann noch weitergehen. In Zahlen ausgedrückt, bedeutet die Merkelsche Klimawende: 1990 hat Deutschland insgesamt 1251 Millionen Tonnen CO₂ in die Atmosphäre geblasen, 2020 dürften es nur noch 751 Millionen sein. Doch davon sind wir bislang weit entfernt.

In den vergangenen knapp drei Jahrzehnten hat Deutschland eine Reduktion um gerade mal 28 Prozent geschafft – und die gehen zum großen Teil auf den Zusammenbruch der besonders schmutzigen DDR-Industrie zurück. In den letzten Jahren gab es kaum noch einen Fortschritt. Heute emittiert Deutschland etwa so viel CO₂ wie 2009, nämlich 906 Millionen Tonnen. Der Fortschritt ist also eine Schnecke, die inzwischen fast gar nicht mehr kriecht.

Angela Merkels Versprechen bedeutet, dass sie in den kommenden drei Jahren sehr schnell zu befahrende "Wege" finden muss, um noch 154 Millionen Tonnen (oder 13 Prozentpunkte) CO₂ einzusparen. Das gelingt nur mit einer weiteren radikalen Wende. Entweder in der Verkehrspolitik oder mit einer schnellen Abkehr von der Kohle.

Eine Möglichkeit wäre, rein theoretisch, den Verkehr komplett stillzulegen. Führen über Nacht keine Autos, keine Lkw und keine Bahnen mehr und flögen keine Flugzeuge, würden 166 Millionen Tonnen CO₂ eingespart. Das wäre genug, um das 2020-Ziel zu erreichen. Natürlich ist so etwas völlig unrealistisch, tatsächlich haben die Verkehrsemissionen zuletzt sogar zugenommen. Außerdem hat Merkel mehrfach versichert, dass es den Verbrennungsmotor noch "Jahrzehnte" geben werde. Wenn das Auto geschont wird, was bleibt?

Sparen ließe sich prinzipiell auch durch eine umweltschonendere Landwirtschaft, in der Industrie oder durch bessere Wärmedämmung der Häuser. Doch all das dauert, in drei Jahren, die noch verbleiben, wird auf diese Weise sicher nicht die nötige Menge an Treibhausgasen reduziert werden.

Bleibt als letzter Ausweg die Energiewirtschaft, hier entsteht mit weitem Abstand das meiste CO₂. Und nirgends ist die Klimawende schneller, plausibler und verträglicher durchzubringen als in diesem Sektor. Wenn beispielsweise fast alle Kohlekraftwerke abgeschaltet würden, die älter als 30 Jahre sind. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie, die das Öko-Institut im Auftrag des WWF geschrieben hat. "Das ist machbar", sagt Felix Matthes vom Öko-Institut. Geschlossen werden müssten zwischen 30 und 40 Kraftwerke, deren Strom dann durch Gaskraftwerke, Windräder oder Solarpanels erzeugt werden müsste.

"Wir werden nicht sofort alle Braunkohlekraftwerke abschalten müssen", sagt Angela Merkel noch. Das stimmt. Sicher ist kein zweiter Fukushima-Moment nötig, als praktisch über Nacht in Deutschland die Atomkraft abgewickelt wurde. Aber aus dem Klimaschutz wird nichts ohne mutige Entscheidungen. Merkel müsste also nach der Kernkraft richtig viel Braunkohle aus der Verstromung verbannen. Im CDU-Wahlprogramm steht nichts von solchen Plänen. Aber es hätte natürlich hineingehört. In jenen Abschnitt, in dem erklärt wird, wie Deutschland das Klima künftig schützen will.