DIE ZEIT: Herr Steinig, in einer aufwendigen Studie haben Sie untersucht, ob Grundschüler ihre Lehrer duzen oder siezen. Das erscheint einem nicht als das wichtigste Problem des deutschen Schulwesens. Wie sind Sie auf diese Idee gekommen?

Wolfgang Steinig: Ich habe in Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg und Bayern als Deutschdidaktiker zahlreiche Grundschulen besucht und den Unterricht beobachtet. Dabei ist mir aufgefallen, wie groß die Unterschiede in der Kommunikation zwischen Schülern und Lehrern sind, von Schule zu Schule, von Bundesland zu Bundesland. Das Spektrum reicht von einem freundschaftlichen Miteinander bis zu einem autoritär geprägten Umgang. Der Unterschied in der Anrede, also ob die Kinder ihre Lehrkraft duzen oder siezen, ist ein wichtiger sprachlicher Indikator für diese Unterschiede.

ZEIT: Liest man Ihr Buch, glaubt man, das Wesen der Schule ließe sich damit erklären, wie lange Grundschüler Lehrer duzen.

Steinig: Mit der Anrede allein lässt sich unser Schulwesen natürlich nicht erklären. Aber sie ist ein erstaunlich zuverlässiges sprachliches Signal dafür, wie Lehrer ihre eigene Rolle verstehen, welche Beziehung sie zu ihren Schülern haben und wie konsequent sie Leistungen einfordern, vor allem im Umgang mit der Schriftsprache.

ZEIT: Wie sind Sie vorgegangen?

Steinig: Wir haben knapp 600 Grundschulen angeschrieben, genauer gesagt die Schulleitungen von jeweils zwei Grundschulen aus jedem der 299 Bundestagswahlkreise. Dabei fragten wir nach dem Prozentsatz der Kinder, die die Lehrpersonen mit Du oder Sie anreden, jeweils von der ersten bis zur vierten Klasse, sowie nach Gründen für die beiden Formen der Anrede. Schließlich ging es in der Befragung um den Stellenwert der Orthografie in den ersten beiden Schuljahren. Dabei zeigten sich zwei Schulkulturen, eine formelle und eine informelle.

ZEIT: Wie lassen sich diese charakterisieren?

Steinig: Die informelle Schulkultur orientiert sich stark an den Bedürfnissen der Kinder. Für formelle Kulturen stehen dagegen die Ansprüche der Gesellschaft an die nachwachsende Generation im Fokus. Diese Unterschiede haben wir anhand einer Analyse schulischer Websites ermitteln können. Sie sind eine Art Visitenkarte, auf der eine Schule ihr Selbstverständnis formuliert: Welche pädagogischen Ziele werden verfolgt, wie wird das Schulleben gestaltet, welche Unterrichtsmethoden werden angewandt?

ZEIT: Lassen Sie mich raten: In den Du-Schulen diagnostizieren Sie eine Kuschelpädagogik.

Steinig: In der aufgeladenen schulpolitischen Debatte sollte man solche wertenden Begriffe vermeiden und die Daten für sich sprechen lassen. Wir haben festgestellt, dass an Schulen mit hohen Duz-Quoten Freude am Lernen einen hohen Stellenwert hat. Es fallen immer wieder Begriffe wie "kindgemäß" oder "kindgerecht". In Schulkulturen, in denen Kinder früher und häufiger ihre Lehrkräfte siezen, finden hingegen schulische Leistungen, die Erwartungen der weiterführenden Schulen sowie Höflichkeit und Respekt eine größere Beachtung. Etwas verkürzt könnte man sagen: Während in informellen Kulturen die Kinder im Mittelpunkt stehen, betonen die formellen die Rolle der Lehrkräfte.

ZEIT: Und da gibt es regionale Unterschiede?

Steinig: Ja, die regionalen Unterschiede sind erstaunlich groß: Während in der vierten Klasse im Norden und Westen das Du vorherrscht, dominiert im Süden und noch stärker im Osten das Sie. In Niedersachsen, Bremen und Hamburg liegt die Duz-Rate zwischen 70 und 90 Prozent, in Bayern und Baden-Württemberg liegt sie bei etwa 40 Prozent, in Sachsen fällt sie unter 16 Prozent, und in Sachsen-Anhalt tendiert sie gegen null.

ZEIT: Und was sagt uns das? Das Siezen ist doch nicht per se Ausdruck eines höheren Anspruchs.

Steinig: Nein, aber die Sie-Ebene erfordert ein formelleres, elaborierteres Sprachverhalten, wie es später in weiterführenden Schulen, aber auch in anderen gesellschaftlichen Situationen erwartet wird. Der Satzbau wird komplexer, die Wortwahl differenzierter, man orientiert sich stärker am schriftsprachlichen Ausdruck. Wer dagegen auf der Du-Ebene bleibt, spricht informeller und kontrolliert sich weniger. Das ist weniger anstrengend und für Kinder angenehmer. Denn sie können einfach weiter so sprechen, wie sie es aus der Familie, mit Freunden und aus dem Kindergarten gewohnt sind.

ZEIT: Wenn die Sie-Kommunikation Vorteile hat, müssten englischsprachige Kinder im Nachteil sein.

Steinig: Auch im Englischen gibt es sprachliche Mittel, um informelles von formellem Sprechen zu unterscheiden. Denken Sie an Höflichkeitsformeln wie Sir oder Madam. Zudem werden an Schulen im englischsprachigen Raum noch andere Respektsignale genutzt: Die Lehrkräfte kleiden sich häufig förmlicher, und die Schüler tragen Schuluniformen.