Ich kann nicht behaupten, dass es eine Vielzahl von Dingen gibt, in denen ich Heinrich Böll überlegen wäre. Aber eine Sache habe ich geschickter begonnen, nun, da ich seinen Spuren in Irland nachreise: Böll kam 1954 frühmorgens in Dublin an, während der einzigen Stunden, "in denen die Iren zur Einsilbigkeit neigen".

Ich lande am Freitagnachmittag. Als beispielsweise Taxifahrer Shane fröhlich und vielsilbig ist. Und seinen Wagen etwas zu freitagsflott vom Flughafen Dublin ins Stadtinnere steuert. Ich sage nicht, dass der schnelle Shane deswegen beinahe einen Mann an der Ampel überfährt. Aber dass Shane diesen Mann an die Möglichkeit des Überfahrenwerdens erinnert. "Yeah, you’re right", hebt Shane lächelnd die Hand zur Entschuldigung. Wozu aufregen? It’s Friday!

Die Liffey fließt unbekümmert unter den vielen Brücken der Stadt hindurch; und über die Samuel-Beckett-, die Ha’penny- und die Millennium-Brücke strömen Dublins Bewohner in alle Himmelsrichtungen des Friday. Launischer, graugelber Sonnenschein. Nieseln. Eine sympathisch halbhoch errichtete Hauptstadt ohne äffische Bankentürme. Dafür die prächtig pulsierende O’Connell Street. Sonnenschein. Nieseln. "Liquid sunshine", scherzt Shane.

Heinrich Böll schrieb über die Iren, dass sie gar nicht wüssten, wie glücklich sie eigentlich sind. Viele Sommer, zusammengerechnet drei Jahre, fremdglückte Böll in seiner irischen zweiten Heimat. Meist von seinen drei Cottages an der Westküste aus. Und machte das unerkannte, im Nachkriegseuropa geradezu exotische Glück der Iren in seinem vor sechzig Jahren veröffentlichten Irischen Tagebuch berühmt, besonders in der Bundesrepublik.

Abertausende deutscher Touristen folgen seitdem seinem halbdokumentarischen Reisebericht wie einer Verheißung, auf der Suche nach einem von Sicherheitsnadeln und guten Geistern zusammengehaltenen Land: einem armen Land, in dem Not keine Schande, sondern ebenso belanglos ist wie Reichtum. Wo sich Türen öffnen und ein Fremder bei glühendem Torfscheit im Kamin und Whiskey wieder zu Kräften kommt. Wo die Straßen nicht Motorfahrzeugen, sondern Schulkindern, Schafen und nachdenklichen Eseln gehören. Eine in unzähligen Untertönen grüne Insel, auf der man weiß, dass Gott, als er die Zeit machte, genug davon schuf.

Ich hingegen habe häufig das Weite gesucht, wenn es um Bölls Bücher ging. Ich schätze, den Lesergenerationen der vergangenen Jahrzehnte wurde Böll oft von der Schule kaputtgelehrt. Pflichtlektüre killed the Literaturstar. Mir hat ihn unsere Nachbarin Gisela überpredigt. Gisela war verrentete Buchhalterin. Vom Leipziger Plattenbau aus die Augen auf alle Ungerechtigkeiten der Welt richtend. "Dima, man muss sich engagieren!", sagte sie immer. "Ohne Gegenwehr hören die Schweinereien nicht auf!" Weil Gisela wollte, dass auch ich mich engagiere, gab sie mir Bücher, darunter welche von Böll.

Der, 1917 in Köln zur Welt gekommen, sprach und schrieb stets vom Engagieren. Erhielt 1972 den Literaturnobelpreis – als erster deutscher Schriftsteller nach Kriegsende. Erwarb sich den Titel, "das Gewissen der Bonner Republik" zu sein. Nur folgerichtig, dass Gisela eines Tages Frauen vor Flußlandschaft aus ihrem ebenso moralischen wie muffigen Bücherschrank herausholte. Bölls vielleicht anstrengendste, weil ethisch ambitionierteste Abrechnung mit der Verlogenheit des neuen westdeutschen Politikbetriebs.

Ich las sie, fand alles irgendwie richtig, vergaß alles wieder und ließ mir Schamhaare wachsen. Um ehrlich zu sein, hatte ich Giselas tägliche Weltrettung mit der Zeit satt. Seither war mir der bekümmerte Herr B. wegen akuter Gutartigkeit verleidet. Das Irische Tagebuch, das Gisela mir etwas später ebenfalls gab, überflog ich unter diesen Umständen nur noch ungeduldig.

Nun wird Böll bald einhundert Jahre alt. Und bevor die Jubiläums-Feuilletons mir erklären, was für ein toller Typ er doch war, evaluiere ich das lieber selbst, inzwischen größtenteils erwachsen. In Irland: Immerhin hat Herr B. da auch Urlaub gemacht. Ist doch denkbar, dass das Republikgewissen dort seine lockere Seite zeigt und mal saftig rülpst. Vielleicht macht sein Tagebuch in Irland ja richtig Spaß.