Der Weg zum Selbstmitleid steht jeder Frau offen. Ist es nicht auch alles ein großer Mist? Die Vorurteile, denen man ständig ausweichen muss: zu ehrgeizig, zu wenig Biss, zu hübsch, zu unattraktiv, zu wenig Mutter, zu viel Mutter. Die Gehaltsverhandlungen, die nicht gelingen wollen, weil man im Mädchengefängnis nicht nimmt, sondern einem gegeben wird. Die Furcht allein im dunklen Park. Trotz alledem hat sich die Vorstellung etabliert, dass es heutzutage ein Kinderspiel ist, eine Frau zu sein, während Männer lautstark darunter leiden, dass sie bestimmte Sachen zu und über Frauen tatsächlich nicht mehr folgenlos sagen können und ihnen die Privilegien abhanden kommen (als ob es schwerer wäre, Privilegien zu verlieren als nie welche gehabt zu haben).

Und doch: Selbstmitleid sollte man sich selten gönnen, nur zu ausgesuchter Stunde, wie ein Glas Whisky vor dem Kamin. Denn es hat eine ähnlich benebelnde Wirkung. Und damit beginnt Hillary Clintons Problem. Und das Problem ihres neuen Buchs What Happened.

Geschenkt, dass Clinton sich nicht zu schade ist zu berichten, wie sie nach der verlorenen Präsidentschaftswahl in Yoga-Pants auf ihrem Sofa ins Chardonnay-Glas weint und TV-Serien guckt, als hätte sie Liebeskummer. Ist eben eine bewährte weibliche Bewältigungsstrategie, warum also nicht. Geschenkt auch, dass sie seitenweise von verschiedenen Friseuren, dem Muster ihrer Schlafzimmertapete und anderen Freuden des Frauseins erzählt.

Schwierig ist, dass Clinton ihr Frausein zum Grund ihres Scheiterns macht. Oder vielleicht muss man es anders sagen: Schwierig ist, dass Clinton alles zum Grund ihres Scheiterns macht, nur nicht sich selbst.

Das muss man erst mal hinbekommen: ein 500-Seiten-Buch über eine verlorene Wahl zu schreiben, ohne einen einzigen Fehler einzugestehen. Clinton greift dafür zu verschiedenen bewährten Stilmitteln. Kommt zum Beispiel die Erzählung in die Nähe eines möglichen eigenen Versagens, wird es allgemein, bis hin zu dem Satz: Niemand ist perfekt. Details dagegen sind nur etwas für die anderen. Wer wann was wie gesagt hat, hat Clinton sich genau gemerkt. In der Grundschule hat jemand sie übrigens mal Brillenschlange genannt, für sie eine frühe Begegnung mit dem Sexismus.

Noch so ein Mittel, allerdings für Fortgeschrittene: Man verkleidet Selbstlob als Selbstkritik, schlägt also zwei Fliegen mit einer Klappe. Clinton meint, sie sei deshalb nicht gewählt worden, weil sie zu ehrlich sei, weil sie sich einfach nicht so für Macht, sondern allein für Inhalte interessiere. Und weil es ihr immer schwergefallen sei, ich zu sagen. Letzteres hat sich wohl spätestens mit diesem Buch erledigt, es handelt von nicht viel anderem als ihrem Ich.

Mit Clintons Kandidatur sollte eine bemerkenswerte politische Karriere zur Vollendung gebracht werden. Bevor sie sich erklärte, war sie mit Bill zu Besuch bei Freunden in der Dominikanischen Republik – die Freunde waren der Modedesigner und Multimillionär Oscar de la Renta und seine Frau Annette. "Wir gingen schwimmen, wir aßen gut und redeten über die Zukunft. Als die Woche zu Ende ging, fühlte ich mich bereit anzutreten." In einem ohnehin schon angenehmen Leben ist so eine Präsidentschaft ein durchaus attraktives Ziel.

Was ist auch schlimm daran, sich Derartiges auszumalen? Machen Männer es nicht genauso? Spielt nicht auch bei ihnen eine gewisse Selbstgefälligkeit zumindest eine wichtige Rolle, wenn sie nach der Macht greifen? Bestimmt. Und tatsächlich gab es Clintons Ambitionen gegenüber immer eine übertriebene Skepsis, weil weiblicher Ehrgeiz im Gegensatz zum männlichen offenbar erklärungsbedürftig ist.