Frage: Herr Reinhardt, würde sich Jesus heute als Politiker eignen?

Volker Reinhardt: Er würde vermutlich scheitern. Politik bedeutet, Kompromisse zu schließen und Zugeständnisse zu machen. Politik ist ein nüchternes, uncharismatisches und prosaisches Geschäft.

Frage: Gibt es zu viele oder zu wenige Erlöser in der Politik?

Reinhardt: Es gibt gar keine. Noch sind wir nicht erlöst worden. Erlösung ist ein uneinhaltbares Versprechen.

Frage: Warum sehnen wir uns trotzdem nach Heilsbringern?

Reinhardt: Weil wir Menschen nicht aus unserer Geschichte lernen. Die Vorstellung eines Konfliktlösers, der den gordischen Knoten durchschlägt, ist sehr alt. Sie gehört zur mentalen DNA des Menschen. Es ist kein Zufall, dass das Christentum auf eine Erlösergestalt aufgebaut ist.

Frage: Was macht die Figur des Heilsbringers so attraktiv?

Reinhardt: Wer sich als Erlöser inszeniert, schwebt scheinbar über allem, ist mit besonderen Einsichten versehen, eingeweiht im höheren Sinne. Das ist eine geschickte Imagebildung, aber auch eine Fälschung.

Frage: Inwiefern?

Reinhardt: Erlöser sind zum Scheitern verdammt. Der italienische Staatsphilosoph Niccolò Machiavelli sagt: Propheten, die sich in die Politik einmischen, brauchen eine Armee, um die Leute zum Glauben zu zwingen – sonst gehen sie unter. Er bezog sich damit auf den anfangs sehr charismatischen Reformer von Florenz, Girolamo Savonarola. Dieser wurde eine Zeit lang als Erlöser angesehen, weil er scheinbar in der Lage war, Versöhnung zu stiften. Nach vier Jahren endete er auf dem Scheiterhaufen, da er die Florentiner nicht zwingen konnte, an seine Vorhersagen zu glauben. Wer eine fast übernatürliche Problemlösung in der Politik verspricht, muss mit einer schnellen Entzauberung rechnen. Ein einzelner Mensch kann das nicht leisten.

Frage: Martin Schulz wurde als Erlöser inszeniert. Musste er zwangsläufig scheitern?

Reinhardt: Man hat ihn mit überhöhten, auf ein goldenes Zeitalter gerichteten Erwartungen begrüßt. Darüber habe ich mich sehr gewundert. Nichts gegen Martin Schulz, aber ich würde ihn eher in die Sparte der uncharismatischen Funktionäre, der Bürokraten einordnen – was ich nicht negativ meine.

Frage: Wie erklären Sie seinen anfänglichen Erfolg?

Reinhardt: Der Hype war eine Art Blankoscheck, eine Hoffnungsvorgabe. Er beruhte auf der irrationalen Erwartung, dass eine neue Person eine Verbesserung mit sich bringt. Diese Haltung ist bei dem Menschen tief verwurzelt. Sie zeigt sich auch in der Bundesliga: Wenn ein Verein dem Abstieg entgegentrudelt, wird der Trainer gewechselt – egal, ob er an dem Versagen Schuld trägt oder nicht.

Frage: Woran liegt das?

Reinhardt: Die Hoffnung gehört offenbar zur psychologischen Grundausstattung des Menschen. Bei aller Rationalität bleibt stets etwas Ungesättigtes, etwas Unbefriedigtes. Wir können das auf allen Ebenen beweisen: So war die Aufklärung das verstandesgläubigste Zeitalter der Geschichte. Tagsüber analysierte man rational die Welt und spottete über den Aberglauben des Volkes. Doch nachts ging man in seine Alchemistenküche und versuchte, Weltgeheimnisse zu lösen. Wenn etwas stagniert oder sich negativ entwickelt, ist die Hoffnung auf ein Wunder übermächtig. Es ist eine Hoffnung, die immer wieder getäuscht wird.

Frage: Der Schulz-Effekt verpuffte nach den verlorenen Wahlen in Nordrhein-Westfalen.

Reinhardt: Der schnelle Aufstieg und Absturz von Martin Schulz geschah sehr überraschend. Das ist ein eigenartiges Phänomen, das spätere Historiker einmal zu untersuchen haben werden.

Frage: Nun wird Martin Schulz als Märtyrer präsentiert, der den Kreuzweg antritt. Warum?

Reinhardt: Religiöse Anspielungen funktionieren noch immer, selbst wenn sie nur subtil sind. Unsere Gegenwart ist nicht so säkularisiert, wie sie glaubt. Diese Denkmuster sind in unseren archaischen Tiefenschichten festgelegt, gehören zum kulturellen Erbgut unserer Hemisphäre. Wenn man einem Kandidaten Gutes will, dann macht man ihn zum Märtyrer, schreibt ihm den Gang nach Golgatha zu. Die Verheißung ist, dass auf den schmerzhaften Tod die Wiederauferstehung folgt.

Frage: Inszeniert sich auch Christian Lindner als Erlöserfigur?

Reinhardt: Letztlich ja. Sein Heilsversprechen ist die Jugend, an die er konsequent appelliert. Er steht damit in einer langen Tradition von jungen Charismatikern, die sich als Vertreter einer dynamischeren Generation vermarkteten. Aufgrund ihrer Jugend glaubte man tatsächlich, sie seien besser für neue Zeiten gerüstet.

Frage: Wen haben Sie da im Sinn?