Als ich von Hurrikan Irma erfahre, arbeite ich seit fünf Wochen im Büro der Deutschen Welthungerhilfe in Port-au-Prince auf Haiti. Wenn die Prognosen stimmen, trifft der Sturm uns in genau einer Woche.

Unser Sicherheitsbeauftragter gibt uns klare Anweisungen: Zu Hause sollen wir den Raum aufsuchen, der die wenigsten Fenster hat. Der Wind oder herumfliegende Teile könnten sie zerstören und uns verletzen. Ich wohne im fünften Stock eines Mehrfamilienhauses. Es ist erdbebensicher. Ob es Hurrikans standhält, weiß ich nicht. Ich entscheide mich für den kleinen Abstellraum ohne Fenster.

Im Büro ist es hektisch. Wie viele Lebensmittelrationen gibt es, welche Hilfsanträge müssen wir stellen? Nur wenn wir gut vorarbeiten, können wir schnell mit Geld für die Nothilfe rechnen.

Zwei Tage bevor Irma auf die Insel trifft, mache ich einen Großeinkauf: Wasser, Kartoffeln, Reis und viele Dosen mit Gemüse. Einheimische trifft man in dem vollen Supermarkt kaum. Die wenigsten haben das Geld, sich vorher mit ausreichend Lebensmitteln einzudecken. Zu Hause packe ich einen Notfallrucksack. Darin sind mein Reisepass, ein zweites Handy, ein bisschen Essen und eine Verbandstasche. Die Deutsche Botschaft nennt uns feste Treffpunkte, falls wir evakuiert werden müssen.

Auf der Karte des Amerikanischen Hurrikanzentrums kommt der rote Punkt immer näher. Irma sei der stärkste jemals gemessene Sturm, heißt es. Langsam steigt Angst auf. Mein Vermieter stutzt vor meinem Haus die Bäume. Aber von Wind keine Spur. Ich koche Reis für etwa fünf Tage.

Am Tag des Sturms sitze ich auf meinem Balkon und warte. Unsere Büros sind geschlossen, alle Fenster verbarrikadiert. Um 14 Uhr soll Irma kommen. Gegen 16 Uhr fängt es an zu regnen. Ich schreibe meinem Vater in Deutschland: Jetzt geht es los. Doch nach nur fünf Minuten ist der Regen vorbei. Als ich noch einmal auf die Online-Karte schaue, sehe ich, dass der rote Punkt weiter nach Norden gezogen ist. Viel weiter als erwartet. Gegen 22 Uhr gehe ich schlafen. Wir haben Glück gehabt.

Im Norden Haitis gab es Überschwemmungen, Menschen haben ihre Häuser verloren. Der rote Punkt bewegt sich weiter Richtung Miami. Insgesamt sterben 61 Menschen an den Folgen des Hurrikans. Die Natur ist unberechenbar, sagt mein Chef, als wir am nächsten Abend in meiner Wohnung sitzen. Draußen spielen die Kinder auf der Straße.

Protokoll: Luisa Thomé