DIE ZEIT: Herr Schulz, der SPD-Wahlkämpfer Günter Grass dichtete einst: "Im September beginnt der Herbst, das Stimmenzählen, ich rat euch, Es-Pe-De zu wählen." So viel Reklame für die SPD würde heute kein Schriftsteller mehr machen.

Martin Schulz: Das kann ich nicht bestätigen, ich erlebe durchaus engagierte Schriftsteller, echte Bekennertypen.

Juli Zeh: Na, ich erlebe aber auch das Gegenteil. Das Politikverständnis ist ziemlich konsumistisch geworden. Man sitzt da und erwartet, dass eine Partei zu hundert Prozent die eigene Meinungspalette abdeckt. Und wenn das nicht der Fall ist, heißt es sofort: Die kann ich nicht wählen, weil mir dies und das nicht gefällt.

ZEIT: Sie engagieren sich für die SPD, Frau Zeh, aber ansonsten fehlten im Wahlkampf die linksliberalen Intellektuellen. Jürgen Habermas schweigt sehr vernehmlich. Richard David Precht findet das Profil der SPD so weich, als wäre es von PR-Agenturen entworfen.

Schulz: Also, im Fall von Jürgen Habermas muss ich widersprechen. Ich besuche ihn regelmäßig, ich bekomme viele Mails mit Ratschlägen von ihm. Er hat mich in den letzten Monaten kritisch begleitet.

ZEIT: Was hat er an Ihnen kritisiert?

Schulz: Habermas meinte, ich müsste Europa stärker thematisieren. Und er verwies darauf, was ihm fehlt: die politische Reform der Euro-Zone und der energische Kampf gegen Orbán und Kaczyński, die die Rechtsgemeinschaft der EU infrage stellen. Genau das habe ich getan.

ZEIT: Frau Zeh, Sie sind erst vor Kurzem in die SPD eingetreten. Wie kam das?

Zeh: Für meine Generation sind Individualismus, persönliche Unabhängigkeit und eigenständiges Denken wichtige Werte. Beim Gedanken an Mitgliedschaften in irgendwelchen Gruppierungen, Parteien, Vereinen, Kirchen, entwickeln wir schnell mulmige Gefühle. Diesen Widerspruch musste ich erst einmal überwinden – als ob man beim Erhalt des Parteibuchs den eigenen Dickkopf abgeben müsste! In diesem Frühjahr bin ich dann Teil des Martin-Schulz-Hypes geworden. Er ist für mich jemand, den ich unbedingt als Kanzler sehen will. Wir brauchen jemanden an der Spitze des Landes, der ein klares Bekenntnis zu Europa in sich trägt.

ZEIT: Gab es denn von Martin Schulz zuletzt so richtig mitreißende Bekenntnisse zu Europa?

Zeh: Da habe ich einiges vermisst. Von dir hatte ich erwartet, Martin, dass du uns die Europa-Keule so richtig um die Ohren haust. Davon ist zu wenig durchgedrungen. Aber auch andere Themen kamen viel zu kurz, Digitalisierung, Finanzmärkte, Kulturpolitik. Wenn ich nicht schon vorher gewusst hätte, wer Martin Schulz ist, was er denkt, was er macht, weiß ich nicht, ob der Wahlkampf mich dazu gebracht hätte, zu begreifen, wer er ist.

ZEIT: Die SPD-Spitze wirkt seit Langem wie eine Jungstruppe, die Kanzlerkandidaturen unter sich aushandelt. Auf der anderen Seite gibt es ebenso lange eine mächtige Unionskanzlerin, die mit ihren Jungs nicht zimperlich umgeht. Haben Sie als politische Frau und Feministin nicht manchmal diese mächtigste Politikerin der Welt bewundert?

Zeh: Ich mache politische Entscheidungen nicht vom Geschlecht abhängig. Natürlich wünsche ich mir generell in allen Bereichen, ob nun in der SPD oder in Wirtschaftskonzernen, mehr Frauen in Führungspositionen – nicht nur zugunsten der Frauen, sondern zugunsten der gesamten Gesellschaft. Aber für das Amt des Bundeskanzlers ist mir das Geschlecht völlig egal.