Es war das große Versprechen der Hamburger Olympia-Bewerbung: ein neuer Stadtteil mitten in der Stadt. Doch nach dem Nein der Hamburger zu Olympia hatte der Senat eine Entwicklung immer ausgeschlossen. Nun hat Bürgermeister Olaf Scholz verkündet: Der Grasbrook soll doch bebaut werden. Ein städtebaulicher Coup? Die wichtigsten Fragen und Antworten.

Was ist auf dem Kleinen Grasbrook geplant?

Direkt gegenüber der HafenCity, auf dem nördlichen Teil des Kleinen Grasbrooks, will der Senat 3.000 Wohnungen für 6.000 Menschen bauen, außerdem eine Grundschule, Kitas und Läden. An der Spitze der Insel könnte es nach den ersten Ideenskizzen einen Park und Sportstätten mit Blick auf HafenCity und Elbphilharmonie geben (Quartier Moldauhafen, siehe Grafik). Der größere, südliche Teil des Kleinen Grasbrooks soll Hafen bleiben, am dortigen O’Swaldkai werden Autos und Früchte verladen, aber auch sperriges Stückgut, etwa große Maschinen. Zwischen dem Hafenareal und dem neuen Stadtteil (Hafentorquartier) sowie zwischen dem neuen Stadtteil und den Gleisen und Straßen zu den Elbbrücken (Freihafenelbquartier) sollen Bürogebäude als Lärmschutz dienen. Bis zu 16.000 Arbeitsplätze soll es auf den Inseln geben. Fertig sein könnte der Stadtteil in etwa 20 Jahren.

Wie wird der neue Stadtteil aussehen?

Die Behörden haben Visualisierungen präsentiert, diese sind aber nur grobe Skizzen und beruhen nicht auf konkreten Plänen. Insgesamt soll sich der neue Stadtteil an der HafenCity orientieren. Die Planer sprechen von einem "blauen Stadtteil mit einer klaren grünen Komponente", das heißt, die Nähe zum Wasser soll betont werden, außerdem soll es Parks und mehr Sportflächen als in der HafenCity geben. Wie immer in Hamburg wird ein Drittel des Stadtteils aus Sozialwohnungen bestehen. Wie in der HafenCity sollen die Häuser auf sogenannten Warften gebaut werden, also Sockeln, die vor Hochwasser schützen. Wegen der Nähe zum Hafen werden die Häuser mit besonderen Fenstern ausgestattet und die Gebäude so angeordnet, dass sie den Lärm abschirmen.

© ZEIT-Grafik

Werden nun also doch die aufgegebenen Pläne für ein olympisches Dorf umgesetzt?

Nein. Der Kleine Grasbrook war 2015 das Kernareal für die Olympiabewerbung der Stadt. Hier sollten mehrere Sportstätten und das olympische Dorf entstehen. Nach den Spielen wollte der Senat daraus den Stadtteil OlympicCity entwickeln, von mehr als 8.000 Wohnungen für 18.000 Menschen war die Rede. Damals sollten allerdings beide Teile der Insel bebaut werden, die Hafenbetriebe umgesiedelt werden. Nun wird nur der kleinere Teil des Kleinen Grasbrooks genutzt. Dennoch ist es eine Überraschung, dass hier überhaupt ein Wohngebiet entsteht: Bisher hatte Bürgermeister Olaf Scholz (SPD) Olympische Spiele zur Voraussetzung für einen neuen Stadtteil gemacht.

Hat Olaf Scholz die Unwahrheit gesagt?

"Ohne Olympische Spiele bleibt der Kleine Grasbrook Hafen", hatte Scholz nach dem gescheiterten Referendum 2015 angekündigt. "Am Kleinen Grasbrook wird es auch nach dem Ende der Bewerbungskampagne keinen Wohnungsbau geben", erklärte damals sein Wirtschaftssenator Frank Horch. Der neue Stadtteil war für den Senat das zentrale Argument, warum die Hamburger den Olympischen Spielen zustimmen sollten. Immer wieder betonten die Olympiawerber damals, die Verlagerung der Unternehmen und die Aufbereitung des Geländes wären ohne die Olympiaförderung aus Berlin zu teuer. Und jetzt? Man habe eben einen Weg gefunden, heißt es. Tatsächlich soll nur ein Teil der Inseln zum Wohngebiet werden, eine für Olympia geplante Brücke Richtung HafenCity wird vorerst nicht gebaut, außerdem spare man Geld, weil man den Stadtteil langsamer entwickeln könne. Die Kosten für Hochwasserschutz und die Erschließung der Grundstücke sollen zudem wie in der HafenCity die Investoren tragen. Zentral für die neuen Pläne war aber die Unterstützung durch die Hafenwirtschaft.

Wie hat sich Scholz die Zustimmung des Hafens erkauft?

"Der Hafen gibt, der Hafen nimmt", sagte der oberste Hafenvertreter Gunther Bonz zu den Plänen. Grundsätzlich sind die Betriebe skeptisch, wenn Teile des Hafens zu Wohn- oder Gewerbegebieten umgewidmet werden sollen, traditionell kämpfen die Lobbyisten um jeden Meter, auch wenn viele Flächen brachliegen. Scholz hatte im Senat klargemacht, dass es den neuen Stadtteil nur geben werde, wenn die Hafenwirtschaft zustimme. Das hat die sich teuer erkauft. Mehr als 100 Verhandlungssitzungen soll es gegeben haben, ein Jahr lang wurde hinter verschlossenen Türen ein Vertrag ausgehandelt. Das Ergebnis: Die Hafenwirtschaft hat eingewilligt, dass die Stadt Wohnungen bauen darf auf einer Fläche, die der Stadt selbst gehört und zum größten Teil von einer städtischen Tochter genutzt, zuletzt aber gar nicht mehr gebraucht wurde. Im Gegenzug bleibt der größere Teil des Grasbrooks Hafen, die Unternehmen haben langfristige Pachtverträge bekommen. Allerdings sollen sie dort künftig keine Gefahrstoffe mehr lagern. Anderen Unternehmen wurde zugesagt, dass sie keine schärferen Emissions- oder Lärmschutzauflagen bekommen.