So konkret rückte die "Klassik" selten ins öffentliche Bewusstsein wie in der vorigen Saison. Nicht von null auf hundert, sondern von 77 auf 866 geriet die Diskussion, jene 866 Millionen Euro nämlich, die am Ende die Elbphilharmonie, der schmucke Preisbrecher am Hamburger Gestade, kostete. Vom Geld versteht jeder was. Das machte, nebst kühnem Entwurf, plötzlich auch die Klassik so interessant, dass die Elbphilharmonie bis auf Weiteres komplett ausverkauft ist. Und weitere neue Gehäuse für den verfeinerten Klang wurden republikweit notenschlüsselfertig: 35 Millionen kostete der Pierre-Boulez-Saal in Berlin, 38 Millionen das Musikforum in Bochum, 106 Millionen der Umbau des Dresdner Kulturpalastes. Die Münchner gucken traurig auf ihren Gasteig und wollen auch etwas Neues.

Man könnte meinen, eine von breitem Interesse getragene Welle der Innovation gehe durch den "Musikbetrieb", wie die Szene der nach Noten spielenden und singenden Profis und ihrer Hörer so wirtschaftsdeutsch genannt wird. Aber ist es innovativ, wenn von den gut 200 Orchesterwerken, die in der neuen Saison im 2.100-Plätze-Saal der "Elphi" gespielt werden, nur jedes zehnte aus den letzten fünfzig Jahren kommt? Verglichen mit der Situation in München ganz sicher. Die sanierungsbedürftige Philharmonie im Gasteig (2.387 Plätze) wird von den großen Orchestern so ausgiebig mit Beethoven, Brahms und Bruckner und anderen Repertoireschlachtrössern beritten, dass an den Rändern der Arena nicht einmal fünf Prozent für das jüngste halbe Jahrhundert bleiben.

Die Sinfonik ist nur ein Teil der komponierten Musik, aber der teuerste und am breitesten wahrgenommene. Daher ist bundesweit viel in Gang gekommen, um ihn attraktiv zu halten, von Programmkonzeption bis Vermittlung. Über die Lebendigkeit eines Musentempels lässt sich nicht einfach urteilen, indem man die dort vertretenen Werke addiert, die seit der Mondlandung entstanden, und hinter alle Komponisten ohne Sterbedatum einen Smiley malt. Aber andersherum: Wo mit Steuergeldern subventioniert wird, kann es auch nicht darum gehen, mit bewährten Krachern die Säle zu füllen (und die Taschen der Stars). Wer nichts anderes kennenlernt, kann auch auf nichts anderes Lust bekommen.

Im erneuerten und viel gelobten Dresdner Kulturpalast versucht man offenbar den Spagat. Die Musiker der Dresdner Philharmonie spielen knapp 70 Werke, ein Dutzend davon jüngeren Datums: von Lutosławskis Cellokonzert bis zu nagelneuen Stücken und dem Soundtrack von Harry Potter und der Stein der Weisen. Es gibt auch Raritäten wie Korngolds Fis-Dur-Sinfonie (1952), und dennoch wirkt der Spielplan unentschlossen. Da dominiert das Kernrepertoire von Mozart bis Bruckner, und ein Programmtitel wie "Ostern mit Brahms" ersetzt noch kein Konzept – das hat dann tatsächlich eher die durchaus traditionalistische Staatskapelle Dresden, die ihren diesjährigen "Capell-Compositeur", den 82-jährigen Arvo Pärt, quer durch die Saison präsentiert.

Der atemberaubend vielfältige Berliner Musikherbst

Natürlich möchte niemand auf die berühmten Sinfonien und Solokonzerte verzichten. Das Wiedererkennen, das Anknüpfenkönnen ist ein Bindemittel jeglicher Kultur, große Kunst kann sich nicht abnutzen, aber immer neu befragt werden. Die Bochumer Sinfoniker locken im neuen Bau viermal bekennend zur "Beethoven Experience" mit wechselnden Sinfonien und Klavierkonzerten. Ebenso fokussiert präsentieren sie aber Vergessenes von Wagenaar und Ellers, Neues von Lebenden oder Rares von wichtigen Namen: Milhauds Creation, die 5. Sinfonie von Vaughan Williams. Man hat im dicht besiedelten Nordrhein-Westfalen gute Erfahrungen mit durchdachter Entdeckungslust – das zeigt auch die Düsseldorfer Tonhalle, wo man bei "Russian Revolution Reloaded" Frühfuturisten wie Wyschnegradsky und Mossolow vereint.

Die enge Nachbarschaft diverser Konzerthäuser (Dortmund, Essen, Köln sind auch noch da) und Klangkörper (wie in Berlin mit sechs großen Orchestern) schärft das Profil offenbar eher als die konkurrenzlose Einsamkeit des steilen Zahns im Norden. Ja, es gibt dort Novitäten von Sciarrino, Eötvös, Glanert und Raritäten, von denen schon die Hälfte bei den Münchner Wiederkäuern den kalten Schweiß ausbrechen ließe (oder etwa doch die Abenteuerlust?). Aber die neuen Töne verhallen in einem bunt mainstreamigen Spielplan, der Brahms’ 1. Klavierkonzert gleich in drei verschiedenen Programmen bietet und das Heldenleben von Strauss an einem Donnerstag mit dem Orchestra di Santa Cecilia und zwei Tage später mit den Münchner Philharmonikern, die das Stück dann auch für ihren Auftritt zu Hause nicht mehr extra üben müssen.

Das Musikforum Bochum (2016) hat 1.026 Plätze; dazu kommen 250 Plätze in der ehemaligen Marienkirche. © Stefan Ziese/ddp

Man hat den Eindruck, dass die Maestri der "Weltklasseorchester", die jetzt alle die gnadenlos schöne Hamburger Akustik testen wollen, ihre Programme eher diktieren als abstimmen – ausgerechnet hier, wo der Andrang jedes Risiko trüge. Das geht auch anders. Im großen Saal der auch ziemlich neuen Philharmonie Luxembourg etwa, vor zwölf Jahren eröffnet, für 114 Millionen Euro gebaut, gastieren neben dem hauseigenen Orchester fünfzehn internationale sinfonische Ensembles, ohne dass es zu Doppelungen käme. So ist, bei halb so vielen Programmen wie in München und Hamburg, wenigstens mal Platz für Schostakowitschs seltener zu hörende eigenwillige 6. Sinfonie.