Ines Weghenkel übersieht niemand. Als sie auf die Bühne tritt zwischen die anderen Lehrer in beigefarbenen Sakkos und schwarzen Kleidern, da leuchtet sie mit ihren knallrot gefärbten Haaren und der bunten Bluse, die sie sich am Abend vorher noch schnell genäht hat. Bevor sie den "Lehrerpreis 2016" in den Händen hält, flimmert auf einer Leinwand ein Video: grinsende Mädchen mit blonden Pferdeschwänzen und weißen Spitzen-Shirts. Eine ruft: "Warum hat es Ines Weghenkel verdient, Lehrerin des Jahres zu werden?" Alle singen los: "Weil sie so schön ist, so schlau, so rank und schlank". Ines Weghenkel hat die Mädchen zum Abitur geführt. Während dieser Zeit haben sie ihre Lehrerin für den Lehrerpreis vorgeschlagen. Weil Weghenkel für sie die Beste ist.

Als Ines Weghenkel, 56, die Trophäe in Berlin entgegennimmt, ahnt niemand im Saal, dass die Deutsch- und Englischlehrerin aus Brandenburg bereits seit zwei Wochen krankgeschrieben ist und voraussichtlich nie wieder vor einer Klasse stehen wird. Weil sie nicht mehr kann. Weil sie sich gemobbt fühlt.

Man nahm ihr ihre Unterrichtsstunden weg.

Man nahm ihr den Klassenraum weg.

Kollegen lästerten vor Schülern über sie.

Ihre Vorgesetzte sagte ihr ins Gesicht: "Jeder hier ist ersetzbar", mitten im Lehrerzimmer, sodass es viele hören konnten.

Wer bei seinen Schülern beliebt ist, ist es noch lange nicht bei den Kollegen. Nicht selten regieren in deutschen Lehrerzimmern Neid und Missgunst. In einem Beruf, der kaum Aufstiegschancen bietet, ist jede Form von Anerkennung ein Risiko. Ein Lehrerleben kann vergehen ohne Lob, ohne Tadel, ohne Beförderung, ohne Wertschätzung. Wer sich besonders für seine Schüler einsetzt, wer bei ihnen besonders beliebt ist, kann sich Feinde machen.

Auch deshalb gehört es nicht gerade zum Selbstverständnis eines deutschen Lehrers, sich zu sehr in seine Schüler hineinzuversetzen. Die meisten pflegen eine wohldosierte Distanz. Sie wissen, dass jede Form von Nähe bedeutet, dass noch mehr Einsatz und Engagement von ihnen verlangt wird.

Die Belastungen des Lehreralltags lassen sich an Zahlen ablesen. Dem Statistischem Bundesamt zufolge wurde 2015 jeder zehnte Pädagoge wegen Dienstunfähigkeit frühpensioniert. Auch leiden Lehrer laut einer Studie häufiger an psychischen und psychosomatischen Krankheiten als andere Berufsgruppen.

Ines Weghenkel konnte sich nie etwas anderes vorstellen, als Lehrerin zu werden. Ihre Eltern waren in der DDR Schulleiter. Als kleines Mädchen malte sie auf ihren Weihnachtswunschzettel Fibel und Tafel. Als junge Frau unterrichtete sie in Rumänien. In Madrid arbeitete sie an einer Deutschen Schule. Sie bildete sich zur Schulberaterin weiter. Vor sieben Jahren hatte sie ihren ersten Schultag am Beruflichen Gymnasium im Oberstufenzentrum Teltow-Fläming in Luckenwalde. Wer als Schüler hierherkommt, hat es am Gymnasium nicht geschafft. Viele von ihnen stammen aus Nichtakademiker-Familien und haben niemanden, der mit ihnen Formeln oder Vokabeln lernt. Das Abitur wollen sie trotzdem schaffen. Und Weghenkel tut alles dafür, damit das klappt, so erzählen es ihre ehemaligen Schüler.

Im Februar dieses Jahres sitzt Ines Weghenkel auf ihrem Sofa in einem Fachwerkhaus in Jüterbog, einer Kleinstadt südlich von Berlin. Noch immer ist sie fassungslos. So oft hat sie ihre Erinnerungen zurückgespult wie einen Film. Und sich jedes Mal gefragt: Was hätte sie anders machen sollen? Wo hätte sie sich Unterstützung holen können?