Wie Schwemmholz sammelt sich das Material von Theaterproben in einer großen Halle in Berlin-Rummelsburg. Sessel und Stühle sind im Raum verteilt, Scheinwerfer stehen herum. In einer Ecke umzingeln Mikrofone einen Tisch, als würden sie auf einen Pressesprecher warten. Es ist einer der Proberäume der Volksbühne. Mitten im Raum sitzen zwischen Tassen mit Brühkaffee und Packungen voller Studentenfutter an einem langen Tisch der syrische Theaterautor Mohammad Al Attar und sein langjähriger Regisseur Omar Abusaada. Sie beobachten Schauspieler Jan Andreesen, der einen Auszug aus Al Attars englischem Stück Aleppo. A Portrait of Absence liest (es wird vom 21. September an im Haus der Kulturen der Welt in Berlin gezeigt). Andreesen liest: "Die Menschen verließen die Stadt, alles änderte sich. Ich begriff nicht mehr, was da passierte, und ich konnte nicht verstehen, dass das Töten und Blutvergießen einfach weitergeht, während die ganze Welt nur zusieht."

Mohammad Al Attar gehört zu den im Ausland erfolgreichsten und bekanntesten Kulturschaffenden Syriens. Seine dokumentarischen Stücke über Krieg, Diktatur und Flucht werden in Beirut aufgeführt, in London und New York – in Syrien selbst nicht. Denn der 37-Jährige versteht seine Theaterarbeit als politische Opposition gegen Assad, auch gegen den IS. Seine Stücke kreisen um das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft, von Intimität und unpersönlichem historischem Prozess, öffentlichem Raum und privatem Schmerz. Wenn ein Toter eine Tragödie ist, eine Million Tote aber nur eine Statistik sind, bemüht sich Al Attar darum, die Tragödie des massenhaften Sterbens wieder sichtbar zu machen, den Einzelnen wieder ins Zentrum zu rücken. In Berlin ist Al Attar im September sogar in zwei Häusern präsent. Die Volksbühne zeigt seine Bearbeitung der Iphigenie im Hangar 5 des Tempelhofer Flughafens – es ist die erste große Premiere der Ära Dercon, nach der Tanzperformance des Choreografen Boris Charmaz auf dem Tempelhofer Flugfeld.

Als sich die Halle mit dem Rotorengeräusch eines vorbeifliegenden Helikopters füllt, mit Lärm, den man auch im echten Aleppo hört, stolpert der Schauspieler Jan Andreesen über seinen Text. Mohammad Al Attar, eben noch ein Mann voll ruhender, fast lauernder Energie, rührt sich, um das Fenster zu schließen. Sein Gesicht besteht aus hellen Inseln in einem Meer aus schwarzem Haar, Bart, buschigen Augenbrauen. Sein langes Kopfhaar fällt zusammengebunden über den Rücken auf ein schwarzes Poloshirt. Er trägt schwarze Hosen und schwarze Stiefel. Ein leises, tiefes Grummeln regt sich in seiner Kehle, wenn er zu sprechen beginnt, doch dann hört man fast akzentfreies Englisch. Nur das tiefe rollende R und ein leichter Singsang verraten das Arabisch darunter. Er wählt seine Worte mit Bedacht, formuliert sehr diplomatisch, spricht langsam und überlegt.

Nur zehn Zuschauer werden für 45 Minuten eingelassen

"Eine der größten Enttäuschungen für die Syrer war, dass ihre Geschichte nie aus ihrer Perspektive erzählt wurde", sagt er. Wobei: Eigentlich müsse er die Mehrzahl verwenden, es seien so viele verschiedene Geschichten und Perspektiven in diesem verwirrenden, verworrenen Konflikt – und so viele Einzelschicksale. In seinem Stück Aleppo soll diese Gleichzeitigkeit der einzelnen Stimmen, die sich zu einer Gesellschaft verbinden, im Raum selbst ausgedrückt werden. Der große Saal des Hauses der Kulturen der Welt wird mit zehn Podien bestückt, auf jedem steht ein Schauspieler, der die Geschichte eines ehemaligen Bewohners von Aleppo erzählt, in seinen eigenen Worten, von Al Attar protokolliert. Nur zehn Zuschauer werden für 45 Minuten in den Saal gelassen, jeder steht allein vor einer Bühne, hört und sieht nur eine Geschichte, gesprochen von Deutschen, eine brechtianische Verfremdung. Doch im Hintergrund rauschen die anderen Monologe, auf den erhöhten Bühnen sind die anderen Darsteller zu sehen, so wie man im Gespräch mit Al Attar immer diese Grundfrequenz dröhnen hört: den Krieg in Syrien.

Al Attar studierte erst englische Literatur in Damaskus, dann schrieb er sich am dortigen Institut für darstellende Künste ein, und schließlich machte er den Master am Goldsmiths College in London. Kurz vor Beginn der Revolution 2011 kehrte er nach Damaskus zurück. "Früher dachte ich, ich könne mit Theater die Welt verändern." Seine Augen strahlen noch immer bei dem Gedanken. Denn Theater sei immer politisch. "Heute bin ich realistischer", sagt er und lacht. "Ins Fernsehen investierte das Regime viel, aber Theater ist viel persönlicher, unmittelbarer. Ob man es will oder nicht, durch die Interaktion von Publikum und Spielern entsteht eine Verbindung, die viel gefährlicher ist als die eines Kunstwerks, das bloß im Museum hängt." Er erreiche durch Theater weniger Menschen als etwa die Medien, aber der Eindruck sei tiefer, bleibender.

Sein Bruder arbeitet in Riad als Ökonom. Al Attars Eltern und seine Schwester hingegen sind noch in Damaskus. "Es geht ihnen ganz gut", sagt er knapp. "So gut, wie es einem gehen kann unter den Umständen." Er vermisse nicht viel, doch er erzählt in einer solchen Wärme von Damaskus, man glaubt ihm diese Schutzbehauptung kaum. Er schwärmt von dem Haus, in dem er zuletzt gelebt hatte und das sich während der ersten, optimistischen Phase des Aufstandes zu einem Salon für Oppositionelle entwickelte, wo Ideen ausgetauscht und Demo-Transparente gebastelt wurden. Das Haus lag in der Altstadt, die so anders sei als das anonyme Beton-Neubauviertel, in dem er aufwuchs. Die Gassen und Basare und die hohe Bevölkerungsdichte erschüfen ein enges soziales Netz, jeder kenne jeden, man esse manchmal zusammen, man sei geborgen. Auch wenn es manchmal zu sozialer Kontrolle führe. "Die 60-jährige Frau auf der anderen Straßenseite wird es immer merken, wenn du mal zu viel Alkohol trinkst", sagt er, "und sie wird dir lautstark mitteilen, dass das so nicht geht."

Diese Art Gemeinschaft hat er in Berlin wieder gefunden, in Neukölln. Die vielen Araber im Viertel helfen ihm, sich geborgen zu fühlen, man grüße sich beim Bäcker, sage den Nachbarn Hallo. "Nicht nur den Arabern natürlich, es sind auch Spanier im Haus. Und" – er lächelt breit – "sogar ein paar Deutsche." Aber er suche gerade eine Wohnung, "wie wohl alle Berliner". Mit seinem Namen sei das nicht einfach.