Ein wenig abgekämpft und hohläugig sieht sie schon aus, die Fassade des Opernhauses in Halle, aber das tut sie schon seit 1951, als man das im Krieg zerstörte, ehedem protzige und klassizistische Gebäude am Universitätsring mit Beethovens Fidelio wiedereröffnete. Die Erfolge, Wagnisse, ästhetischen Verstörungen und internen Auseinandersetzungen der vergangenen zwölf Monate dürften es also nicht sein, die hier ihre Spuren hinterlassen haben. Oder doch? Eine erregende erste Spielzeit liegt hinter dem neuen Leitungsteam, und naturgemäß wäre jetzt, zu Beginn der zweiten, Zeit zum Luftholen. Die Imagekampagne, die die Stadt vor Jahresfrist noch mit Plakaten verwirrte ("Alles brennt"), hat ihren Zweck erfüllt, und die "Hausbesuche" der Intendanz (man trifft Hallenser Bürger in deren Wohnungen zur Diskussion) genießen Kultstatus. Vieles erreicht, vieles auch noch nicht, alles auf Anfang?

Die Frage ist: Wie lässt sich der Furor des Neubeginns bewahren, ohne arrogant zu wirken und die Fronten zu verhärten? "Wir schämen uns", schrieben die vornehmeren Besucher in das im Foyer ausliegende Gästebuch nach der Premiere von Wagners Fliegendem Holländer, mit dem die neue Ära begann: alles "geistiger Dünnpfiff". Von den Foyerwänden blickten derweil die Konterfeis von Anna Netrebko und Jonathan Meese neben Textausrissen von Slavoj Žižek und Peter Handke – was das allgemeine Diskurstheater eben so hergibt. Damit hat der gemeine Operngänger ebenso seine Mühe wie der links- oder rechtsliberale Intellektuelle (in Sachsen-Anhalt sitzt die AfD seit 2016 mit 24,3 Prozent als zweitstärkste Kraft im Landtag): Was um Himmels willen, fragen sich beide, hat das eine mit dem anderen zu tun, die heiligen Hallen eines kulinarischen Kunstbetriebs mit den Debatten unserer Zeit? Viel, sagen Halles Opernmacher, und sie lassen der Behauptung ästhetisch ernst zu nehmende, ja berührende Taten folgen.

Der Fliegende Holländer spielt in einer spektakulären, vom Parkett Besitz ergreifenden Raumbühne, mit und nach Foucault "Heterotopia" genannt, der andere Ort. Mit Lust am Happening (Schlafbrillen für alle zur Ouvertüre) und am Dekonstruieren von Erwartungen (Kuchen und Cocktails für alle in der Spinnstube) verschwimmen hier die Grenzen zwischen Darstellern und Publikum, Drinnen und Draußen, Kunst und Welt. Das ist in Halle sozusagen Prinzip. Auch die Neuinszenierung von Kurt Weills Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny oder die Uraufführung von Sarah Nemtsovs Musiktheater Sacrifice (ZEIT Nr. 11/17) zielen mit und ohne Raumbühne darauf, dass Oper sich für mehr interessieren muss als für Oper, wie Halles Chefdramaturg Michael von zur Mühlen in einem Beitrag für Theater der Zeit formuliert: für eine "politische Auseinandersetzung und Relevanz" nämlich, für die "Schmerzpunkte" der Gesellschaft, zu denen gleichwohl immer auch die Beschäftigung mit Kunst gehöre. Das Politische sei kein "Marketingtool", um Oper besser legitimieren oder "verkaufen" zu können, betont von zur Mühlen – und das unterscheidet das, was in Halle geschieht, wohltuend von allen performativen oder installativen Versuchsballons, die anderswo immer dann losgelassen werden, wenn das alte Erzähl- und Interpretationstheater an seine Grenzen stößt. Das Politische, an der Saale ist es selbstverständlich.

Die Hallenser Opernleitung besteht nicht nur aus einer Dreierspitze (dem Intendanten Florian Lutz, 38, seinem Stellvertreter Veit Güssow, 40, und Michael von zur Mühlen, 38), sondern auch, und das sagt viel, aus drei aktiven Regisseuren. Eine andere Ästhetik, so ihr gemeinsames Credo, erfordere andere Organisationsstrukturen. Also sind in der Dramaturgie starke "Zweitkompetenzen" erwünscht (als Aktivisten, Netzpolitiker und so weiter), im Umgang miteinander sollen, allen betrieblichen Hierarchien zum Trotz, "Visionen und Argumente" im Vordergrund stehen, und gearbeitet wird in flexiblen Gemeinschaftsbüros, je nach Bedarf. Eine Art Volksbühnen-Geist (der Castorfschen Art natürlich) weht durch die Gänge, und das hat auch damit zu tun, dass in Halle dank der Händelfestspiele traditionell arriviertes Musiktheater gemacht wird, schon in den fünfziger Jahren und, mit Auswirkungen bis heute, in den Achtzigern, unter dem Dirigenten Christian Kluttig und dem legendären Regisseur Peter Konwitschny. Für Lutz/Güssow/von zur Mühlen bewirkte dieses Erbe zunächst eine Umkehr der eigenen Erwartungen: "Die Älteren, gut Situierten, die in den Achtzigern sozialisiert wurden, gehen mit, wenn Aufführungen wie Mahagonny oder Sacrifice die Grenzen des Mediums Oper ausloten, auch wenn sie mit den Ergebnissen nicht einverstanden sind", berichtet Florian Lutz. "Die Jungen tun sich da schwerer. Ihnen fehlen oft die Voraussetzungen, sie suchen das Erleben, nicht die Lust an der Reibung."